16.05.16

10 Fragen an Wolfgang Kramer

Hallo, Herr Kramer! Schön, dass Sie Zeit für die 10 Fragen des Brettspiegels haben...

 

1. Sie sind seit 1974 als Spieleautor tätig und haben bis heute eine unfassbar lange Liste an Brettspielen entwickelt. Nicht nur zuletzt erschienen mehrere Spiele von Ihnen innerhalb eines Jahres, was für einen sehr hohen Arbeitsaufwand spricht. Was ist der Antrieb Ihrer Arbeit und gibt es Tage, an denen sich selbst motivieren müssen?

 

Es gibt bereits unermesslich viele Spiele. Aber es gibt noch viel, viel mehr unentdeckte bzw. noch nicht erfundene Spiele, die entdeckt werden wollen. Es ist noch längst nicht alles erfunden, was möglich ist. Das Unbekannte, das Unentdeckte, das noch nicht Erforschte, die Neugier auf Neues treibt mich an. Aber auch die Freude, wenn eine neue, kleine Spielewelt entstanden ist, treibt mich an. Die Freude der Menschen über ein neues gelungenes Spiel treibt mich an und nicht zuletzt auch die Forderung an mich, die Bedeutung des Spiels noch mehr in das Bewusstsein der Menschen zu rücken. Es gab und gibt keine Tage, an denen ich mich selbst motivieren muss. 

 

2. Sie haben den Sonderpreis des deutschen Spielepreises 2012 für Ihr Lebenswerk als Autor erhalten. Was bedeutet dieser Preis für Sie? Und hatte dieser Preis evtl. Auswirkungen auf die nachfolgenden Projekte?

 

Die Auszeichnung für das Lebenswerk eines Spieleautors hat vor mir nur Alex Randolph erhalten. Das zeigt, dass diese Auszeichnung nur selten verliehen wird. Umso mehr habe ich mich über diese Auszeichnung gefreut. Der Preis hatte aber keine Auswirkungen auf die nachfolgenden Projekte. Ausschließlich die Menschen um mich, meine Co-Autoren und andere Spieleautoren haben meine Projekte beeinflusst und beeinflussen sie noch. Jeden Monat veranstalten meine Frau und ich einen Spieleabend für ältere Menschen. Es kommen immer etwa 15 bis 20 Personen, wovon die meisten über 80 Jahre alt sind. Ihre Begeisterung und ihr Spielverhalten haben mir gezeigt, dass die meisten Spiele noch einfacher werden müssen.

 

3. Welche Art von Spielen entwickeln Sie am liebsten? Kinderspiele, Familienspiele oder Kennerspiele und warum?

 

Ich entwickle jede Art von Spielen gern. Wenn ich die Entwicklung eines Kennerspiels abgeschlossen habe, beschäftige ich mich gerne mit einem Familien- oder Kinderspiel. Ich liebe Abwechslung. Ohnehin arbeite ich immer an mehreren Spielen gleichzeitig, die natürlich unterschiedliche Entwicklungsstände haben.

 

4. Gibt es eine Art von Spielen oder ein bestimmtes Thema, das Sie noch reizen würde, dieses zu entwickeln?

 

Obwohl ich jetzt über 40 Jahre Spiele entwickle habe ich immer noch Ziele und Wünsche, wohlwissend, dass ich nicht alle meine Ziele erreichen werde. Wobei mir das Erreichen eines Ziels nicht ganz so wichtig ist wie das Daraufhinarbeiten. 

 

Ich denke, dass meine Ziele dieselben sind, wie bei den anderen Spieleautoren.

Ich möchte mit einem Spiel vielen Menschen eine Freude machen.

Ich möchte ein Spiel entwickeln, das man auch in 100 Jahren noch spielt.

Ich möchte noch mal ein Spiel entwickeln, das die Auszeichnung Spiel des Jahres erhält.

Ich möchte, eine ganz neue Spielgattung erfinden.

Ich möchte ein Spiel entwickeln, das ganz andere Emotionen erzeugt, als die bisherigen Spiele. Emotionen, die heute nur durch Musik, Bücher oder Filme erzeugt werden können.

Dies bedeutet, die heutigen Grenzen des Spiels zu überwinden.

Ich möchte  …

 

5. Gibt es ein Spiel, das Ihrer Meinung nach sehr viel Potential hat, aber in der Versenkung untergegangen ist diesem und kaum Beachtung geschenkt wurde?

 

Leider trifft dies auf einige meiner Spiele zu. Ich rechne dazu auch Spiele, die gute Rezensionen erhalten haben, aber die Verkaufszahlen unbefriedigend waren.

Ich denke, dass z.B. folgende Spiele mehr Potential haben, als dies bisher erkannt wurde:

·      "Asara" als Familien- und als Kennerspiel

·      "Die Paläste von Carrara" als Kennerspiel

·      "Hazienda" als Familien- und als Kennerspiel

·      "Big Boss" bzw. "Alcazar" / das neue Big Boss als Familienspiel

·     "Abluxxen" als Familien- und als Kennerspiel

·      "Mexica" als Familien- und als Kennerspiel

·      "Java" als Kennerspiel

·      "Wettpuzzeln" als Kinderspiel

·      "Phara-oh-oh" als Kinder- und Familienspiel

Ich könnte die Liste noch fortsetzen, aber diese Spiele sollen als Beispiele genügen.

 

6. Was sind Ihre Ziele als Autor für dieses Jahr (2016) und evtl. noch für das nächste Jahr?

 

Das Jahr 2016 ist für mich nahezu abgeschlossen. Ich arbeite zwar noch an Details für die Spiele, die im Herbst erscheinen. Auch das Jahr 2017 ist zu etwa 50%  abgeschlossen. Bei einigen Spielen steht fest, dass sie 2017 veröffentlicht werden. Andere liegen bei den Verlagen. Hier kann ich erst dann wieder etwas tun, wenn ich sie zurückerhalte bzw. wenn feststeht, dass sie verlegt werden. Dann gilt es, zusammen mit dem Verlag eine optimale Umsetzung zu finden. Meine Arbeit an einem Spiel ist erst dann erledigt, wenn es verlegt worden ist. Zurzeit beginne ich mit dem Entwickeln von Spielen, die frühestens 2018 erscheinen können.

7. Sind die mit den Resonanzen zu Ihren Brettspielen "Porta Nigra" und "Abenteuerland" zufrieden? Und würden Sie diese beiden Spiele als erfolgreich klassifizieren?

 

Die Resonanz auf "Porta Nigra" finde ich gut. Bei "Abenteuerland" sind die Rezensionen auch gut, da es aber ein Familienspiel ist, muss das Spiel noch zu den Familien gebracht werden. Freunde der Kennerspiele sind über das Internet und Spielefachzeitschriften bestens informiert. Spiele für Gelegenheitsspieler sind sehr viel schwieriger zu vermarkten, da sich die Zielgruppe nicht oder kaum über Spiele informiert.

Die Frage, ob die beiden Spiele erfolgreich sind, kommt noch zu früh. Das kann man erst nach einem weiteren Jahr oder weiteren Jahren sagen. Knapp 30 meiner Spiele haben Auflagen größer als 100.000 Stück erreicht. In diese Gefilde werden beide Spiele nicht vorstoßen.

 

8. Die Frage hatte ich ebenfalls schon Matthias Cramer gestellt ;). Kam es bisher zu Verwechselungen mit dem erfolgreichen Spieleautor und fast Namensvetter Matthias Cramer? Wenn ja, können Sie die Situation beschreiben?

 

Bis jetzt kam es noch zu keiner Verwechslung. Es gab weder Kramer gegen Cramer noch Kramer mit Cramer.

 

9. Sie arbeiten sehr oft mit dem Autor Michael Kiesling zusammen. Wie sieht dieser Arbeitsprozess aus? Treffen Sie sich jeden Tag mit ihm und entwickeln Spiele? Gibt es wie bei einem Job feste Uhrzeiten? Oder verläuft dieser Prozess sehr spontan ab?

 

Wir treffen uns einmal im Jahr in Essen auf der Messe. Sollten wir von der Jury Spiel des Jahres nominiert werden, treffen wir uns auch in Berlin. Wir spielen und testen unsere Spiele höchst selten und wenn dann nur in Essen oder in Berlin im Hotel. Aber fast täglich laufen die Telefone heiß, und es gibt fast jeden Tag Emails. Gut, dass wir eine Flatrate haben.

Wir tauschen unsere Ideen und unsere Testergebnisse aus und legen fest, wie wir weiter vorgehen. Sollte wir uns beim Entwickeln einmal nicht einigen können, weil jeder von uns einen anderen Mechanismus favorisiert, testet jeder von uns beide Mechanismen und die Testergebnisse sind dann maßgebend, an welcher Version wir weiterarbeiten.

Wichtig ist, dass sich jeder auf den anderen verlassen kann und dass wir immer versuchen, so objektiv wie möglich zu sein. Dadurch, dass wir nicht gemeinsam testen, haben wir von einem Spiel sehr viele Testergebnisse, bevor wir es einem Verlag anbieten. 50 Tests und mehr sind keine Seltenheit, vor allem dann, wenn es mehrere Alternativen und Versionen gibt.

 

10. Welche Erwartungen haben Sie an die Spielemesse SPIEL in diesem Jahr? Haben Sie für die Leser und Leserinnen schon einige spannende Informationen?

 

Für "Abenteuerland" gibt es drei neue Abenteuer, eines davon ist ein kooperatives Abenteuer, bei dem die Nebelwesen in die Hauptstadt ziehen. Beim zweiten Abenteuer muss eine Prinzessin befreit werden, die auf einem geheimen Feld versteckt gehalten wird, das die Spieler erst finden müssen. Beim dritten Abenteuer halten die Nebelwesen den König gefangen. Die Spieler müssen alle Nebelwesen besiegen und alle Felder der Hauptstadt besetzen.

"Glück auf Das große Kartenspiel" wird bereits im Sommer veröffentlicht. Es handelt sich dabei um ein anspruchsvolles Kartenspiel für erfahrene Spieler.

Die "6 nimmt!-Familie" wird um das Kartenspiel "X nimmt!" erweitert.

"Torres", "Expedition" (beide in Deutschland und im Ausland) und "Colosseum" (vorerst nur in Amerika) werden neu aufgelegt.

Außerdem kann ich schon verraten, dass es im Herbst 2017 wieder ein neues, anspruchsvolles „Kennerspiel“ geben wird.

 

Schön! Wir freuen uns! Danke für das Interview!