09.11.16

10 Fragen an Matthias Nagy

Hallo Matthias, Du bist Inhaber des Verlages "Frosted Games". Schön, dass du Zeit gefunden hast für ein paar Fragen.

 

1) Warum der Name "Frosted", ist die Brettspielszene wirklich so kühl und kaltherzig ;)?

 

Diese Kombination wird von Vielen angenommen. Aber zum Glück hat sich noch keiner getraut mir zu sagen: "Öffne Dein Herz für mich, ich möchte mein Bier kaltstellen." Aber im Ernst, der Name entstand tatsächlich mit einem Hintergedanken. Das Wort "Frosted" bedeutet in Amerika, dass da Zuckerguss drauf ist. Ein "Frosted Donut" hat ja eine ordentlich leckere Zuckerschicht oben drauf. Mit diesem Gedanken entstand der Name, dass ich als Verlag in erster Linie einen Zusatz für andere Verlage bieten möchte. Ich möchte mit Produkten wie dem Adventskalender, dem Osternest oder dem kommenden Projekt 18 etwas "on top" bieten. Die Sahne auf dem Eis, die Kirsche auf der Torte. Das soll der Name ausdrücken. Und auch, wenn ich das oft erklären muss, bin ich mir dafür nicht zu schade, denn der Name hat eine Geschichte und diesen zu erklären, hilft den Leuten, sich was darunter vorzustellen.

  

2) Wie kam es denn zur Verlagsgründung? Und betreibst Du diesen Verlag als Vollzeitjob? Du führst ja noch nebenbei einen Podcast.

 

Eigentlich war es, aus der Not eine Tugend zu machen. Als Freelancer ist man es gewohnt, dass man mal mehr und mal weniger Auftraggeber hat. Ich war vor zwei Jahren an einem Punkt, an dem ich eher etwas weniger hatte. Daher langweilte ich mich beim Erstellen von einer Art Bewerbungsmappe, mit der ich auf der Messe rumlaufen wollte, um ein paar Verlage damit anzusprechen. Dann stolperte ich über die Idee, welche ich schon ein paar Jahre im Hinterkopf hatte, einen Adventskalender zu machen und stellte fest, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, genau sowas auf den Markt zu bringen.

 

Also machte ich eine Präsentation und erzählte den Verlagen, mit denen ich mich traf, stattdessen davon. Und dass mit viel Spaß. Die Idee konnte eigentlich nur funktionieren, weil ich nicht bei einem der vielen Verlage angestellt bin, sondern vor allem als unabhängiger damit existiere. Das unter einem Verlagslabel zu machen, ist dann der richtige Schritt, denn der Endkunde muss auch eine Identifikation zu einem Produkt bekommen. Im Marketing ist es wichtig, Sachen Namen zu geben und so war der Verlag wichtig.

 

Der Verlag ist noch kein Vollzeitjob, auch wenn es sich so anfühlt. Ich arbeite für einen amerikanischen Verlag im einem Bereich, in dem ich Partner für deren Spiele in Deutschland und anderen Ländern Europas suche. Für einen französischen Verlag mache ich etwas Marketing, und für einen Hamburger Verlag helfe ich etwas beim Testen der Spiele. Zwischendurch habe ich immer wieder kurze Gastauftritte, wie ich es bei einem Österreichischen Modelbahnverlag hatte, oder einem italienischen Verlag, oder so viele andere. Als Freelancer ist man immer unterwegs. Der Podcast schließlich ist vor allem Spaß an der Arbeit. Ich schreibe seit Anfang 2010 Rezensionen und Artikel im Internet und konnte mich einfach nie von dieser Art mich zu präsentieren trennen. Auch wenn die Zeit zum Schrieben gerade etwas leidet    

 

3) Reden wir mal ein bisschen über deine Produkte..."Die Zünfte von London" soll im Dezember 2016 erscheinen. Was macht das Spiel aus Deiner Sicht reizvoll und warum hast Du dich genau für dieses Spiel entschieden?

 

Die Antwort könnte etwas zu banal sein. Fakt ist, dass ich Tony seit sehr vielen Jahren kenne, noch aus Zeiten bevor "Snowdonia" veröffentlicht wurde. Ein sehr guter Freund von ihm war jahrelang mein Chef, als ich noch nicht selbständig war, sondern für einen Niederländischen Verlag gearbeitet hatte. Ich habe das Spiel schon vor vielen Jahren gespielt und fand es immer traurig, dass es nie rauskam. Als ich dann wusste, dass ich wegen des Adventskalenders meinen eigenen Verlag aufbaue, hatte ich Tony versprochen, dass ich es auf Deutsch rausbringen würde. Und daran habe ich mich gehalten. Pünktlich zum 10ten Jubiläum des Spiels. Das wäre vor 10 Jahren vermutlich eine größere Bombe in der Brettspielwelt gewesen, aber der Markt war auf der anderen Seite noch nicht bereit dafür. Ich bin Fan davon und daher natürlich überzeugt, dass es auch Vielen Spaß machen wird. Preise wird es vermutlich keine gewinnen, muss es aber auch nicht, solange es anderen auch Freude bereitet.

 

4) Neben Spielen hast Du auch diverse Brettspielkalender auf den Markt gebracht. Wie sind diese bei der Community angekommen und welches dieser Formate hat am meisten gezündet?

 

Eigentlich andersrum. Ich habe auch das ein oder andere Spiel, neben den ganzen diversen anderen Produkten. Also neben dem eigentlichen Adventskalender, ist da noch das Osternest und jetzt ganz neu die Goodie-Box für den Deutschen Spielepreis. Alles, was ich bisher rausgebracht habe, ist auch sehr gut angekommen, was mich freut und nicht so selbstverständlich ist. Und ich hoffe, dass dies auch für Projekt 18 gilt, wenn es in zwei Jahren auf den Markt kommt. Natürlich gibt es etliche die sagen, sie brauchen sowas nicht, aber das gilt ja auch für jede Art von Spielen. Manche Spieler wollen Miniaturen über ein Brett schieben, weil die toll aussehen, andere nicht. Einige wollen kurze Familienspiele andere verzichten auf sowas, weil sie für kurze Spiele keine Zeit haben. Und es gibt welche, die lieben es, schöne Spiele um coole Kleinigkeiten zu erweitern, so wie ich, und andere nicht. Damit kann ich gut leben.

 

Was aber wichtig ist, ist zu verstehen, wie diese Zielgruppen funktionieren. So gibt es Menschen, die sich daran erfreuen, täglich im Dezember eine Tür aufmachen zu können und einfach etwas Überraschung für sich zu haben. An Anderen geht es vorbei und die wollen einfach nur den Inhalt und diesen sofort spielen. Es gibt auch Welche, denen ist es egal, was sie davon gebrauchen können, denn sie wollen das Ganze auseinanderpflücken und mit Gewinn verkaufen. Das ist ein Sekundärmarkt. Und auch der ist wichtig für solch ein Produkt. Es ist ein Markt, in den ich nicht eingreifen kann oder will, aber dass es ihn gibt, ist positiv.

 

Solange die Leute also so gut auf den Adventskalender reagieren, mache ich mit dem weiter. Ich habe schon Pläne fürs nächste Jahr und bin froh auch schon ein Drittel der Plätze da drin angefragt bekommen zu haben. Das war letztes Jahr noch nicht so selbstverständlich. Dennoch gibt es Verlage die die Idee noch nicht verstanden haben, oder denken, dass ich denen was wegnehmen würde. Dabei ist es für die Verlage doch nur sehr günstiges Marketing. Da muss ich noch Überzeugungsarbeit leisten. Auch das gehört zu dem Job.

 

5) Wann und wie hast Du eigentlich so richtig in die Brettspielszene gefunden?

 

Das ist eine schwere Frage. Mein erstes Brettspiel hatte ich Anfang der 80er auf dem Tisch. Die vielen Preisträger der Jury folgten. In den 90ern wurde es dann nochmal richtig ernst mit Klassikern wie "Linie 1" oder "Catan". Anfang der 2000er hatte ich dann mein erstes Praktikum bei "Schmidt Spiele" unter Jürgen Valentiner Branth, der hier ja auch schon Fragen beantworten durfte. Dann sechseinhalb Jahre für einen Niederländischen Verlag im Marketing für Deutschland tätig gewesen, dann Ende 2010 habe ich mich selbständig gemacht. Durch den Blog, den ich zu dem Zeitpunkt schon fast ein Jahr lang schrieb, bin ich auch bei deutschen Kollegen immer bekannter geworden und irgendwann stellte ich fest, dass mich jeder kannte nur ich nicht jeden. Das habe ich dann mal geändert und gefühlt bin ich inzwischen mittendrin. Dass ich dabei sowohl Marketing, Sales, Development und auch andere Aufgaben schon gemacht habe, hat geholfen.

 

6) Wie viel Zeit investierst Du ca. wöchentlich in das Spielen von Brettspielen und wie viel Zeit in die Verlagsarbeit?

 

Das ist vielleicht erschreckend, aber die Verlagsarbeit nimmt rund 30 bis 40 Stunden die Woche ein und bestimmt auch noch mal 20 Stunden fürs Spielen. Aber das sind grob geschätzte Werte. Zum Teil spiele ich auch als Verlagsarbeit und zum Teil habe ich etliche Wochen, wo ich mehr als 40 Stunden arbeite. Das ist also oft nicht so einfach zu trennen. Und oft bin ich froh, dass ich das auch nicht tun muss. Zeiten schreibe ich nur für Auftragsarbeiten auf, damit ich das abrechnen kann, ansonsten erfreue ich mich daran zu arbeiten und habe daran jede Menge Spaß.

 

7) Du hast dein Hobby ja professionalisiert und verdienst nun Geld damit. Geht einem dann auch der Spaß etwas verloren, da man einem gewissen Erfolgsdruck ausgesetzt ist?

 

Nein. Ich habe mein Hobby schon vor über 15 Jahren professionalisiert. Nur, dass ich nicht mehr nur für Verlage arbeite, sondern auch für mich selber. Einen Erfolgsdruck sehe ich da nicht. Ich habe die Vorteile sowohl das zu machen, was mir Spaß macht, als auch das, was ich an Aufträgen bekomme. Ich habe entsprechend eine Abwechslung und kann mich auf die verschiedensten Sachen freuen.  Und wenn was Neues dazukommt, dann entdecke ich das mit so viel Freude wie ein neues innovatives Brettspiel auf dem Tisch zu haben.

 

8) Was bedeuten Brettspiele für Dich?

 

Alles. Brettspiele sind mein Leben. Ich habe zu viele davon zu Hause (rund 1800, müsste aber mal neu gezählt und deutlich reduziert werden), ich spiele gerne und oft und sehr gerne mit vielen verschiedenen Menschen. Ich arbeite gerne an Spielen und möchte sie verbessern. Ich bin immer für eine Runde zu haben. Und vor allem liebe ich es, mit anderen Menschen zusammen zu sein, ohne dass ich viel Aufwand brauche. Brettspiele sind meine Familie. Und Brettspieler sind die angenehmsten Menschen, die ich kenne. Ich habe so viele Menschen kennenlernen dürfen und freue mich jedes Mal, wenn ich jemanden wiedertreffe, dass ich das als größeres Glück empfinde als eine Tafel Schokolade.

 

Azuchi Castle
Azuchi Castle

9) Auf welche Spiele bist du durch die Messe (Spiel 16) aufmerksam geworden, die Du vorher nicht "auf dem Schirm" hattest?

 

Oh Mann. Ich liebe die vielen Spiele und finde es schade, dass ich in Essen so wenig spielen kann. Aber das Zusammensein mit Menschen steht für mich im Vordergrund. Ich hatte dieses Jahr tatsächlich nur ein Spiel gekauft, welches ich nicht auf meiner Liste hatte: "Azuchi Castle". Meine Liste hatte ich aber auch nur zu 30% erfüllt. Alles wäre dann doch zu viel geworden. Ich habe aber inzwischen wieder von einigen Spielen gelesen, welche ich scheinbar verpasst habe, wie "Capital Lux". Auf diese freue ich mich natürlich dann um so mehr, wenn ich sie mir dann später zulege.

 

10) Neben der Spielemesse in Essen gibt es noch viele weitere Veranstaltungen und Treffen. Könntest Du evtl. Empfehlungen aussprechen, bei denen sich auch ein Besuch lohnt?

 

Das ist gar nicht so einfach, da es inzwischen echt viele Veranstaltungen gibt und viele davon habe ich selber noch gar nicht besucht. Essen ist einfach die Nummer 1. Aber dann gibt es echt tolle Veranstaltungen für verschiedene Zielgruppen. Ratingen ist sehr schön für Familien, Herne Pflicht für Kenner- und Expertenspieler. Bremen hat sich zu einer wichtigen Nummer im Norden entwickelt, wie auch München im Süden. Zu Ostern kommt da Oberhof dazu und im November Willingen. Was für mich aus beruflicher Sicht noch wichtig ist, ist Göttingen für den Kontakt zu Autoren.

 

 

Wer sich nicht scheut auch ins Ausland zu blicken, der sollte auf jeden Fall mal nach Cannes reisen zur größten Messe in Frankreich. Die ist so komplett anders und irgendwie jedes Jahr erneut aufregend. Oder nach England zur "UK Games Expo" in Birmingham. Diese ist in den letzten Jahren so stark gewachsen und hat doch ihren eigenen Charme. Die "Gen Con" in Indianapolis muss man wohl vermutlich nicht erwähnen. Aber täuscht euch nicht, keine dieser Veranstaltungen ist wie Essen. Da sind Welten dazwischen, auch aufgrund der verschiedenen Ausrichtungen. Und nochmal ganz anders ist die "Games" und "Comics" in Lucca.

 

11) Bei den Bretterwissern seid ihr ja verschiedene Spielertypen. Seid ihr das für den Podcast, oder auch im wahren Leben?

 

Harlad Schmidt hat mal gesagt: Überrasche die Leute. Kündige 10 Punkte an und bringe 11. Also warum nicht 11 Fragen beantworten, wenn wir schon dabei sind. :)

(Aber der Brettspiegel haftet nicht für die 11. Frage ;))

 

Wir sind tatsächlich auch im wahren Leben diese Art Spieler, wir sind froh uns für den Podcast nicht verstellen zu müssen. Dabei haben wir das nicht forciert, sondern es hat sich so ergeben. Arne mag einfache Familienspiele, die er mit Frau und Kind spielen kann, während Rene zwar auch schöne Kinderspiele mit seiner Tochter auf den Tisch bringt, aber am liebsten die anspruchsvollen "AmeriTrash-Spiele" spielt, die vor Thema nur so triefen und dabei einen mit kiloweise Miniaturen erschlagen. Ich bin dagegen der klassische "Euro-Gamer". Ich kann auch meine Freude an Familienspielen haben und gerne mal was thematisch tiefes Spielen, aber ich mag lieber etwas mit nur ein bisschen Holzfiguren, wo ich überlegen kann, wie ich strategisch am besten vorgehe. Vor allem liebe ich kooperative Spiele, bei denen man gemeinsam gegen das Spiel spielt, was ein eigenes Erlebnis ist und kommunikative Spiele, zu denen mir leider viel zu oft die richtige Gruppe fehlt. Etwas "Widerstand", "Frigitti", "Mysterium", "Codenames", "Concept" oder "Identik" kann bei mir immer auf den Tisch kommen. Es gibt natürlich Spiele, die wir alle drei mögen, aber das passiert selten. Und gerade diese Ausstrahlung, dass wir zum selben Spiel diametrale Meinungen haben, hilft manchen Hörern vermutlich mehr, denn wir diskutieren dann die Spiele mehr.

 

Danke für die Antworten!