15.09.16

10 Fragen an Jürgen Valentiner-Branth

 

Hallo, Herr Valentiner-Branth. Schön, dass Sie sich für die 10 Fragen Zeit nehmen. Dann legen wir am besten direkt los.

 

1) Sie sind der Inhaber von "SpielStart". Zu den Dienstleistungen Ihres Unternehmens gehören u.a. die komplette Redaktion von Brett- und Kartespielen, das Lektorat wie auch Übersetzungen von Spielanleitungen etc. Wie kam es zu dieser Unternehmensgründung und haben Sie sich damit einen großen Wunsch erfüllt?

 

Ich hatte nach 4 Jahren beim "Ravensburger Spielerverlag" und 5 Jahren bei "Schmidt Spiele" das Bedürfnis, für mehrere Verlage zu arbeiten. Außerdem wollte ich aus den festen Hierarchiestrukturen des Angestellt-Seins heraus und zusätzlich der Liebe wegen nach Hamburg ziehen. Da war die Selbstständigkeit eine gute Lösung, zumal ich während der ersten Jahre noch von Hamburg aus viel für "Schmidt Spiele" gearbeitet habe und so auch finanziell einen relativ sicheren Start hatte.

 

2) Sie haben u.a. die Redaktion von "Karuba" übernommen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und welche Aufgabenbereiche haben Sie konkret erfüllt?

 

"Haba" ist in 2014 auf mich zugekommen auf der Suche nach jemandem, der Erfahrung mit Familienspielen hat und die neue Familienspiel-Reihe redaktionell übernehmen konnte. Da sich kein solcher Redakteur fand, der nach Bad Rodach ziehen wollte, entstand die Idee, dass ich den Job von Hamburg aus machen kann.

 

 

 

Die redaktionelle Tätigkeit bei "Karuba", "Abenteuerland" und "Spookies" umfasste dann u. a.

- ausführliches Testen

- Welt- und Titelsuche

- Materialoptimierung, Stücklisten für den Haba-Einkauf

- Illustratoren und Grafikerbriefing, jeweils mit Koordination bis zur Produktion

- Schreiben der Anleitung sowie der Schachtel- und Katalogtexte,

- Briefing und Koordination mit dem Anleitungsgrafiker

- Marketingberatung

- Kommunikation mit dem Autoren

 

3) Welche Schwierigkeiten ergaben sich evtl. bei diesen Arbeitsprozessen?

 

Durch die örtliche Trennung war die Kommunikation sicher manchmal nicht so kurzfristig und direkt möglich. Die internen Abläufe in einem großen Spieleverlag wie "Haba" sind nicht ganz einfach zu durchschauen, so brauchte ich für manchen Projektplan mit vielen Terminen darauf eine „Übersetzung“. Ich bin aber regelmäßig nach Bad Rodach gefahren und wir haben uns außerdem auf den diversen Messen und Autorentreffen getroffen, so dass das sehr gut geklappt hat.

 

4) "Karuba" wurde zum "Spiel des Jahres 2016" nominiert. Erwartet oder eher überrascht? ;)

 

Ich hatte bei "Karuba" schon ein sehr gutes Gefühl, übrigens von dem Moment an, als Rüdiger mir zum ersten Mal den Mechanismus erklärte. Das Element, dass man sich zwischen dem Legen eines Plättchens und dem Investieren dieses Plättchens zum Laufen mit einem Abenteurer entscheiden muss, hat mich von Anfang an begeistert.

„Erwarten“ kann man eine Nominierung zum "Spiel des Jahres" nur in sehr seltenen Ausnahmefällen. Aber das Echo auf das Spiel war in den Monaten zuvor schon sehr erfreulich, so dass ich nicht aus allen Wolken gefallen bin, als ich von der Nominierung hörte, aber doch extrem erfreut im Büro herumgehüpft.

 

Karuba
Karuba

5)"Karuba" konnte sich leider nicht ganz gegen die Konkurrenten durchsetzen. Woran hat es aus Ihrer Sicht eventuell gelegen?

 

"Codenames" ist ein extrem starkes Spiel, das ja auch schon im Vorfeld sehr positiv aufgenommen wurde. Es ist kein klassisches Familienspiel, und genau das hat die Jury dieses Jahr betonen wollen. Ich mache mir da als zuständiger "Karuba"-Redakteur keinen handwerklichen Vorwurf, sondern lehne mich entspannt zurück, weil ja letztlich die Juroren entscheiden und ihren Schwerpunkt dieses Jahr nicht in die Richtung ging, in die er hätte gehen müssen, damit "Karuba" den Preis gewinnt. Eine geteilte Silbermedaille (mit Imhotep) bei vielen hundert in Frage kommenden Neuheiten ist ja nun wirklich ein großer Grund zur Freude!

 

6) Was macht für Sie ein gutes Familienspiel eigentlich aus?

 

Oha, das ist ein langer Katalog, den ich inzwischen aus Erfahrung beim Testen wohl innerlich abhake. Man kann wenig Absolutes dazu sagen, denn auch ein 75-Minuten-Spiel kann ein tolles Familienspiel sein, wenn es denn fesselt und Spaß macht. Ebenso kann ein 10-Minuten-Würfelspiel von Anfang an langweilen, die Spieldauer sagt also nur wenig aus. Auch die Anleitungslänge sagt wenig, weil es plakative, "umfangreiche" Welten gibt, in denen man die Regeln aber leicht versteht, und andererseits mühsame, "kurze" Welten, in denen auch ein nur zweiseitiger Regeltext nicht leicht zugänglich ist, weil man z. B. vieles auswendig lernen muss.

Der hohe Wiederspielreiz ist wohl ein allgemeiner Punkt, der immer erfüllt sein muss. Und besonders beim Familienspiel natürlich die Eignung, dass Menschen mit unterschiedlicher Spiel- und Lebenserfahrung gleich gut abschneiden können.

Ich finde auch das Material relativ wichtig, und schließlich kommt ein Familienspiel bei mir besser an, wenn es etwas Neues, womöglich Innovatives enthält.

7) Können Sie etwas über Ihre derzeitigen Projekte verraten?

 

Als Freiberufler mit vielen verschiedenen Spieleverlagen als Kunden achte ich sehr darauf, dass meine Kunden sich auf meine Diskretion verlassen können. Darum werde ich bei dieser Frage leider im wahrsten Sinne des Wortes relativ einsilbig: "Nein".

 

8) Gibt es Spiele, bei denen Sie sich denken: "Mensch, das Spiel hätte ich gerne betreut?" ;)

 

Ja, natürlich! Jedes erfolgreiche Spiel eigentlich.

Aber besonders ärgere ich mich, dass mir "Ubongo" seinerzeit durch die Lappen gegangen ist. Ich hielt es damals bei "Schmidt Spiele" für nicht homogen genug und dachte, die beiden Teile des Spiels (1. Etwas Zusammenpuzzeln, 2. Mit den Edelsteinen auf der Skala Punkte notieren) sind zu sehr getrennt – ich lehnte es ab und es wanderte zu "Kosmos", um dort ein Millionenseller zu werden - was für ein Irrtum!

 

9) Sie sind ein externer Redakteur, der von verschiedenen Verlagen angeworben werden kann. Was sind die Vor- bzw. Nachteile zu Redakteuren, die fest bei Verlagen angestellt sind?

 

Vorteil ist sicher die Freiheit, dass ich meine Arbeitszeit einteilen kann. Daraus resultiert dann manchmal ein freier Nachmittag, wenn das Wetter gut ist, aber auch mal ein durchgearbeiteter Sonntag, wenn die Deadline naht. Ich "spare" Zeit, weil ich keine Kollegen habe, mit denen ich mich besprechen muss. Aber das ist auch ein Nachteil, weil ich mir manchmal einen Austausch extra organisieren muss.

Nachteil ist sicherlich die Unsicherheit, ob auch nach Erledigung der aktuellen Projekte weitere Arbeit ins Haus flattern wird. Und die flattert leider auch nur sehr selten von selbst herein, aber nach den vielen Jahren der Selbstständigkeit sehe ich Akquise genau wie die anderen, normalen Teile meines Freiberufler-Jobs wie Buchhaltung, Büroorganisation, Reise-Organisation, Prototypenbau usw.

 

10) Auf welche Spiele freuen Sie sich denn am meisten auf der "SPIEL 16"?

 

Ich bin sehr gespannt auf die "Exit-Spiele" bei "Kosmos", auf "Love Letter Premium" und das "Agricola-Familienspiel".

 

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit Ihrer Arbeit!