04.11.16

10 Fragen an Britta Stöckmann

 

1) Sie sind Redakteurin bei "HUCH! & friends" und haben schon einige Spiele betreut. Da sich die redaktionellen Tätigkeiten von Verlag zu Verlag in gewissen Punkten unterscheiden, können Sie gerne einen Einblick in Ihre konkrete Arbeitsfelder geben.

 

Unsere redaktionelle Arbeit ist mit dem Wort Projektmanagement wohl treffender umschrieben. Wir kümmern uns – oft in enger Kooperation mit anderen Abteilungen des Verlags – um fast alle Schritte der Projektrealisierung vom Testen der Spielideen über die Erstellung der Daten für die eigentliche Produktion bis hin zum gemeinsamen Erarbeiten der Pressetexte. Im Gegenzug stehen die Kollegen aus den anderen Abteilungen uns natürlich auch als Tester zur Verfügung. Diese inzwischen sehr enge Zusammenarbeit im Team wirkt sich meiner Meinung nach sehr positiv auf unsere Spiele aus.
Zu meinem Job als Redakteur (bzw. Projektmanager) kommt außerdem noch ein wenig Arbeit im Bereich Export, wobei ich meine Kollegen dort vor allem im Bereich Osteuropa unterstütze. Dies rührt daher, dass ich bis 2012 sechs Jahre lang als Lektor des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) an einer Universität in Polen gearbeitet habe und in dieser Zeit bereits viele Kontakte u.a. in der sich damals gerade stark entwickelnden polnischen Brettspielszene knüpfen konnte.

 

2) Die Neuheiten "Ulm" und "Touria" wurden auch von Ihnen redaktionell betreut. Haben Sie auch eng mit den Autoren kooperiert und welche Schwierigkeiten ergaben evtl. sich bei den Projekten?

 

Schwierigkeiten gibt es nicht – das heißt heute "Herausforderungen" J. Nicht bei allen Projekten besteht eine enge Zusammenarbeit mit den Autoren, aber bei größeren Projekten fällt die Kooperation tendenziell stärker aus. Bei "Touria" z.B. saß ich alle 3 Wochen mit Michael Rieneck zusammen, um an der finalen Ausarbeitung einzelner Elemente zu feilen. Allerdings war der Prototyp schon sehr weit fortgeschritten, als er zu "HUCH! & friends" kam. Wesentlich mehr redaktionelle Arbeit ist etwa in "Ulm" geflossen, bei dem sich das Endergebnis recht stark vom ursprünglichen Prototypen unterscheidet.
Ist die Zusammenarbeit nicht so eng, kann es natürlich auch einmal vorkommen, dass Redaktion und Autor parallel in unterschiedliche Richtungen weiterentwickeln, was zwar zu einem gesteigerten Zeitaufwand, jedoch auch zu sehr fruchtbaren Ideen führen kann, wenn man dann gemeinsam anfängt, nach einer passenden Schnittmenge zu suchen. Dabei kommt man auch mal auf Dinge, die einem allein eventuell nicht in den Sinn gekommen wären.

 

3) Wir haben Ulm schon rezensiert und fanden das Spiel wirklich gut! Es ist ja schon strategischer und kein "klassisches" Familienspiel. Wird sich der Verlag auch in Zukunft in eine solche Richtung bewegen?

 

Grundsätzlich bietet "HUCH! & friends" eine breite Palette an Spielen – von reinen Vertriebsprodukten wie Spielen mit eher Spielzeugcharakter, wie z.B. Geisterjagd über Kinder-, Kommunikation-, Logik- und Familienspielen bis hin zu unserem nun ersten eigenen anspruchsvolleren Strategiespiel. Vor "Ulm" hatten wir Spiele dieses Kalibers nur von anderen kleineren Verlagen oder ausländischen Partnern in Distribution.

Für 2017 planen wir ein weiteres Spiel in dieser Richtung, aber dazu können wir jetzt noch keine Details verraten. Sollten uns weiter vielversprechende Kandidaten mit interessanten Mechanismen angeboten werden, ziehen wir diese natürlich auch gern für unser Programm in Betracht. Wir müssen jedoch auch nicht auf Biegen und Brechen jedes Jahr ein großes Strategiespiel ins Rennen schicken.

 

4) Arbeiten Sie eher alleine an Projekten oder sind Sie in einem Team in gewisse Projekte eingespannt?

 

Mein Arbeitsplatz ist zweigeteilt – 2 bis 3 Wochen arbeite ich im "HUCH!-Büro" in Günzburg, dann 1 Woche im Home Office in Kiel. Kreative Arbeit an Projekten findet in unterschiedlicher Form an beiden Orten statt, wobei ich abseits des Büroalltags jedoch den Kopf freier habe und mich intensiver auf größere Projekte einlassen kann. In Kiel spiele und teste ich im Schnitt jeden zweiten Abend mit unterschiedlichen Testgruppen und bekomme redaktionellen Support von meinem Partner, mit dem ich früher unseren Eigenverlag "Igramoon" betrieben habe, wobei stets ein kreativer Austausch entsteht.

Aber auch im Verlag in Günzburg legen wir auf gemeinsame Arbeit an unseren Spielen Wert, so dass ebenfalls oft gute Anregungen aus dem Export, dem Marketing oder dem Vertrieb kommen.

Spiele stehen für ein soziales Miteinander – nicht nur am Spieltisch selbst, auch in der Entwicklung einer Spielidee oder bei der Verfeinerung eines Spielmechanismus‘ ist ein kreatives Team sehr hilfreich. Beim Schreiben der Anleitungen ist man dann wieder stärker auf sich allein gestellt – bis die Testleser zum Zuge kommen.

 

5) Wie würden Sie den Verlag "HUCH! & friends" beschreiben?

 

Aus Redakteurssicht? Viele Projekte, viel Arbeit – in verschiedenen Bereichen. Multitasking, Flexibilität und Effizienz sind wichtig. Dafür gibt es auf der anderen Seite viel Freiraum zur kreativen Entfaltung, man kann über den Tellerrand der Redaktion hinausblicken und arbeitet in einem tollen Team.

Aus Spielersicht ist "HUCH!" schwerer zu verorten, da wir eine große Bandbreite von Bereichen bedienen. Für die einen mag es aussehen wie ein bunter "Gemischtwarenladen", für unsere "friends" (sowohl unsere inländischen als auch unsere ausländischen Partner) hingegen bedeutet es jedoch auch, dass für viele das Richtige dabei ist – wobei das "Richtige" für verschiedene Partner unterschiedliche Spiele sein können.

 

6) Kennen Sie eigentlich auch andere Redakteure von anderen Verlagen und wie ist der Kontakt zu diesen?

 

Diese Fragen haben hier im Brettspiegel ja schon einige Kollegen aus diversen Verlagen beantwortet. Das Schöne an der Spielebranche (gerade auf Redaktionsebene) ist das fast gänzlich fehlende Konkurrenzdenken. Da man eigentlich vorher nie weiß, welches Spiel sich wirklich zum Hit entwickeln wird, und es ohnehin schwierig wäre, Ideen zu klauen, können wir unbefangen gegenseitig Prototypen testen und einander Feedback geben. Das jährlich in Göttingen stattfindende Redakteurstreffen etwa erinnert mich an meine frühere Tätigkeit als DAAD-Lektorin. Ein paar Mal im Jahr gab es Lektorentreffen, bei denen man die anderen deutschen Kollegen traf, die über die Unis im ganzen Land verteilt arbeiteten. Dies war stets die Gelegenheit, sich mit Personen in ähnlicher Position und mit ähnlichen alltäglichen Herausforderungen auszutauschen und einander zu unterstützen. So ähnlich fühlt es sich auch mit den Redakteuren der anderen Verlage an – es ist wie ein Treffen mit externen Kollegen zum gemeinsamen, fruchtbringenden Austausch.

 

7) Was ist eigentlich Ihr Fazit von der "Spiel 16"?

 

Sehr voll – sowohl in den Gängen als auch an den Tischen an unserem Stand und vor allem in meinem Terminkalender. Letzterer bot leider fast keine Gelegenheit, sich etwas mehr auf der Messe umzuschauen, sondern ließ mich eigentlich nur zwischen Redaktions-, Export- und einigen Marketing-Terminen hin- und herspringen, so dass ich zum eigentlichen Messegeschehen gar nicht so viel sagen kann.

Die Ausbeute der "SPIEL 16" für "HUCH! & friends" hinsichtlich zukünftiger Spiele wird sich in den nächsten Wochen zeigen, wenn wir die mitgebrachten Prototypen gesichtet haben. J

 

8) Sie sind jetzt die erste RedaktEURIN, die ich interviewen darf. Haben Sie das Gefühl, dass Frauen in der Brettspielszene evtl. etwas unterrepräsentiert sein könnten (Autoren, Redakteure)?

 

Also bei uns im Verlag überwiegt der Frauenanteil, allein die Redaktion ist zu zwei Dritteln weiblich. J  Aber damit sind wir wohl nicht repräsentativ. Spiele zu entwickeln und redaktionell zu bearbeiten ist eine tolle Tätigkeit, die jedoch kein Lehrberuf ist – d.h. die meisten Redakteure rutschen aus anderen Ecken in diesen Berufszweig, der wohl gleichermaßen Berufung ist. Warum sich mehr Männer berufen fühlen? Tja, vielleicht sind sie grundsätzlich doch die größeren "Spielkinder" und dominieren somit eben die Branche in weiten Teilen (allerdings wohl mit Ausnahme des Sektors Kinderspiele) … J

 

9) Was spielen Sie eigentlich derzeit in Ihrer Freizeit? Vielleicht ein paar Spieletipps an die Leser und Leserinnen?

 

Hm, seit 2013 vor allem Prototypen und Spiele, an denen ich gerade arbeite. Da bei Redakteuren der Übergang zwischen Beruf und Hobby fließend ist, wird auch in der Freizeit nicht immer klar getrennt. Rein zum Spaß und zur Entspannung spiele ich gern "café-taugliche" Spiele, d.h. Spiele, die auch auf kleineren Tischen Platz haben und sich gut zu einem Latte Macchiato spielen lassen (ca. eine halbe Stunde dauern). Das kann z.B. ein "The Game" sein, gern immer einmal wieder "Neuroshima Hex" (in der polnischen Urversion) oder in letzter Zeit auch mal "Rival Kings", das bei mir gerade den Sprung vom Arbeitsprojekt zum Freizeitspiel geschafft hat. Eigene große Spiele im finalen Zustand schaffen es hingegen eher selten bei mir auf den Spieltisch, da dann schon wieder die nächsten Projekte im Vordergrund stehen. Aber ich nutze gern jede sich bietende Gelegenheit, die Neuheiten anderer Verlage kennenzulernen.

 

10) Gibt es evtl. Aspekte in der Spieleszene (Messe, Spielrunden etc.), die Sie überhaupt nicht leiden können ;)?

 

In der polnischen Uni, an der ich gearbeitet habe, hing in unserem Institut ein Schild mit dem Spruch „

"Find a job that you like and you’ll never have to work a day in your life." – ganz ohne Arbeit geht es natürlich nicht, manche Dinge sind lästig oder machen weniger Spaß, aber wenn man das Glück hatte, sein Hobby zum Beruf machen zu können, verbietet sich eigentlich das Jammern auf hohem Niveau. J Und grundsätzlich muss ich sagen, dass die positiven Aspekte klar überwiegen – sowohl hausintern bei "HUCH! & friends", in der Zusammenarbeit mit den anderen Verlagen und ausländischen Partnern sowie mit den Spielern – seien es jene, die mit uns Prototypen testen, oder jene, die sich auf den Messen etc. für unsere Spiele begeistern.

 

Danke für das Interview und viel Erfolg noch bei Ihren Tätigkeiten