26.10.15

Review: "Grand Austria Hotel" von Simone Luciani und Virginio Gigli

Fakten

 

Autor: Simone Luciani und Virginio Gigli

Spieleranzahl: 2-4

Spieltyp: Expertenspiel

Spieldauer: ca. 90 Minuten

Alter: ab 12 Jahren

Erscheinungsjahr: 2015

Preis: UVP 42,99 Euro

Verlag: Lookout Spiele

Spielbeschreibung

 

Wien war zu Beginn des 20.Jahrhunderts eines der gro­ßen Zen­tren Euro­pas. Künst­ler, Poli­ti­ker, Adlige, Bür­ger und Tou­ris­ten bevöl­ker­ten die Stra­ßen der Stadt. Und über Allen thronte der Kaiser.

Die Spie­ler sind mit­ten­drin in der Wie­ner Moderne und ver­su­chen als Hote­liers ihr Glück. Dazu müs­sen sie ihr klei­nes Hotel erwei­tern und wei­tere Räume anbauen. Aber die Gäste wol­len auch kuli­na­risch ver­sorgt wer­den. Dazu soll­ten die Spie­ler für jeden Gast die pas­sen­den Gerichte und Getränke bereit­hal­ten. Und zusätz­li­ches Per­so­nal ist auch immer von Vorteil.

Aber wer dabei ver­gisst dem Kai­ser zu hul­di­gen, kann ganz schnell in Ungnade fallen.

Nur ein Spie­ler kann aus sei­nem klei­nen Kaf­fee­haus das Grand Aus­tria Hotel machen!

(Quelle: Lookout Spiele)

 



Hintergrundinformationen

 

Ja, die Vorfreude auf das Spiel des Verlages "Lookout Spiele" war groß, zumal der Autor Simone Luciani mit "Tzolk'in" und "Auf den Spuren von Marco Polo" bereits vor nicht sehr langer Zeit zwei sehr erfolgreiche Spiele mitentwickelt hat (Rezension von "Marco Polo" hier). Aus diesem Grund ließ die Fusion mit dem Verlag Lookout Spiele, der bisher für die Produktion interessanter und überaus erfolgreicher Spiele zuständig war, die Erwartungen ins Unermessliche steigen. Auf der Messe hörte man oft hier und da von dem Highlight für Vielspieler aus dem Hause Lookout, das die "graphische Handschrift" von Klemens Franz trägt, der sich wiederum mittlerweile als Illustrator in der Szene etabliert hat. Ist "Grand Austria Hotel" die Sachhertorte unter den Brettspielen oder nur ein gewöhnlicher Apfelstrudel aus dem Kühlregal eines Discounters? Ihr werdet es gleich erfahren...;)

 


Spielmaterialien

 

"Lookout Spiele" zeigt sich mal wieder als Musterverlag für qualitativ hochwertige Spielmaterialien. "Grand Austria Hotel" bietet sehr viele Spielmaterialien, die allesamt fehlerfrei und langlebig produziert wurden. Besser geht es nicht!

 


Illustrationen

 

Die Gestaltung von "Grand Austria Hotel" stammt von Klemens Franz und man kann eindeutig sagen, dass diese wirklich gelungen ist. Die 56 Kundenkarten (die Kunden, die dein Hotel bewohnen) bzw. 48 Personalkarten (dein Team im Hotel) sind sehr schön illustriert worden und lassen das Spiel sehr thematisch erscheinen. Dabei hat der Illustrator, der den meisten bekannt sein sollte, mal hier mal da seinen Humor mit einfließen lassen.

Besonders schön anzusehen ist der Aktionsplan, der unterschiedliche Bereiche darstellt, von denen man Würfel nehmen kann, damit eine Aktion ausgelöst wird. Der illustrative Clou hierbei ist, dass die einzelnen Bereiche graphisch unterstützt werden. Zum Beispiel nimmt man sich vom Aktionsfeld auf der linken Seite den Würfel mit der Augenzahl Zwei und darf sich Kaffee oder Wein nehmen. Das Aktionsfeld zeigt dementsprechend einen Bereich, in welchem eine Kaffeemaschine und ein Weinregal steht. Dies lässt alles sehr thematisch erscheinen, wenn man sich das Thema vor Augen führt, dass Kunden bedient werden und diese dann in ihr Hotelzimmer gehen.

Die illustrative Aufmachung unterstützt optimal den Spielfluss und lässt diesen sehr plausibel erscheinen. Konkret ist damit gemeint, dass man erstmal vom allgemeinen Hofplan Kunden anwirbt, diese dann in sein Kaffeehaus legt, danach mit Kaffee, Wein, vorbereiteten Räumen etc. (Aktionsplan) versorgt und sie dann in ein Zimmer (eigener Hotelplan) einziehen. Nicht zu vergessen ist, dass die Kunden im Kaffehaus auch Bestellungen aus der Küche erhalten können. Diese kompletten Vorgänge, sind wirklich sehr gut thematisch untermauert worden und lassen die einzelnen Prozesse lebendig wirken. Man kann sich alles wirklich gut vorstellen: "von der Baar zum Kunden, vom Kaffeehaus ins Zimmer etc.", was von einer wirklich gelungenen Aufmachung zeugt. Verziert wird das Gesamtbild dann immer wieder mit kleinen Nettigkeiten wie z.B. wenn ein Zimmer besetzt ist, dreht man ein Raumplättchen um, auf dem dann ein "Bitte nicht stören"-Schild abgebildet ist.

Die graphische Gestaltung hätte jedoch was die "Politikkarten", die "Kaiserleiste" und die "Rundenleiste" betrifft, eventuell kreativer ausgefeilt werden können, um diese Elemente dann ebenso gut in das Thema einzugliedern, wie die übrigen Spielbereiche. Denn dies ist leider nicht der Fall und schwächt die thematische Atmosphäre ab. Auch die bunte Gestaltung der Räume schwappt über das Thema hinaus und hätte durch unterschiedliche Preiskategorien ersetzt werden können, um den thematischen Rahmen zu erhalten.

Die Handschrift von Klemens Franz ist sichtlich zu erkennen, da der Illustrator auf einem qualitativ hochwertigem Level arbeitet. Dennoch wäre es auch mal schön zu sehen, in punkto graphische Aufmachung  mal von ihm überrascht zu werden, um neue Facetten von seiner Arbeit zu erfahren ;).

 


Spielmechanik

 

Die Spielmechanik von "Grand Austria Hotel" basiert auf einem Würfelmechanismus, der mit den einzelnen Aktionen hervorragend verknüpft wurde. Ebenso hängen die einzelnen Aktionen sehr gut miteinander zusammen: erhalte Speisen und Getränke = bediene die Kunden = bereite die Räume vor = lass die Leute einziehen = Effekte meiner ausgespielten Personalkarten werden aktiv. Das Autorenduo hat versucht den Glücksfaktor, der durch das Würfeln ins Spiel kommt, so gering wie möglich zu halten. Durch die Zusatzaktion (bezahle eine Krone und denk dir ein Würfel hinzu), das Jokerfeld (bezahle eine Krone und führe eine beliebige Aktion mit den Würfeln auf dem Jokerfeld aus), oder das Passen (schmeiß einen Würfel in den Mistkübel und würfel die Würfel erneut) wurde dieses Ziel erreicht!


Jedoch ist fraglich, inwieweit durch die Würfelauslage die eigene Spielfreiheit eingeschränkt wird. Denn liegen z.B. vier Würfel auf einem Aktionsfeld, so ist doch naheliegend, dass man dieses Aktionsfeld direkt benutzt, um den größtmöglichen Nutzen zu ziehen und andere Pläne hinten anstellt. Demzufolge ist man doch ein gewisses Maß von der Auslage und dem Würfelglück abhängig. In diesem Punkt wird der eigene Spielzug gesteuert und man kommt von seiner geplanten Strategie ab, da die Würfel einfach ein Aktionsfeld extrem lukrativ machen.

Dennoch wird versucht dieser gewissen Einschränkung mit dem Boni der Kundenkarten bzw. Personalkarten entgegenzuwirken, da dem Spieler durch diese Effekte wiederum gute Optionen geboten werden, um die Spielmöglichkeiten zu erweitern. Sie wurden von Luciani und Gigli perfekt in den Mechanismus eingebunden, und zwar so, dass man die Effekte in die eigene Spielweise hervorragend integrieren kann.

Die Mechanismen sind sehr stark mit Entscheidungen gespickt, da der Spieler nicht nur entscheiden muss, welche Person er aus der Auslage nimmt, welche Aktion er auslösen möchte, nein, er muss auch noch innerhalb einer Aktion entscheiden wie z.B. bei dem Aktionsfeld Eins. Denn in diesem Aktionsbereich muss das Verhältnis der Ressourcen entschieden werden (Man muss immer gleich viel oder mehr Apfelstrudel als Torte nehmen). Durch diese Fülle an Entscheidungen, die sehr extrem stark miteinander verknüpft sind, entstehen kausale Spielzüge, die hervorragend zu kombinieren sind.

Alles in allem besticht "Grand Austria Hotel" durch sehr dicht verzahnte Mechanismen, wodurch die einzelnen Spielzüge eines Spielers hervorragend aufeinander aufbauen können. Das Würfelglück wurde mit unterschiedlichen Vorkehrungen auf einem Minimum gehalten und durch die unzähligen Boni der Kunden- und Personalkarten entstehen wirkungsvolle Handlungsfreiräume und Strategien. Einzig und allein der Fakt, dass die Würfelauslage ein Aktionsfeld zu lukrativ machen könnte und dem Startspieler einen sehr starken Vorteil verschafft, wodurch die eigene Spielweise arg manipuliert wird und man vom Spiel regelrecht gezwungen wird diese Aktion auszuführen, könnte ein plausibler Kritikpunkt sein.

 


Innovationen

 

Angefangen mit der thematischen Aufmachung muss man echt sagen, dass hier auf jeden Fall kreative Köpfe agiert haben. Das Thema wirkt beseelt, da die Spielvorgänge unfassbar gut thematisch eingebunden wurden. Man nimmt nicht nur eine Karte und legt sie vor sich hin (wie das meist so der Fall ist), nein, man wirbt einen Kunden an, dieser sucht einen gemütlichen Platz in deinem Kaffeehaus, du bedienst ihn, bereitest den Raum vor und mit gefülltem Magen will er sich in seinem Zimmer hinlegen und dort "Grand Austria Hotel" spielen ;). Dieses Brettspiel spricht das verkörpert das Thema Hotel/Hotelmanager und agiert jedoch auf einer komplett anderen und sehr neuen Ebene.

Der Würfelmechanismus ist auch interessant und wirkt sehr frisch, da die Anzahl der Würfel auf einem Feld maßgeblich für die Tragweite der Aktion ist und im gleichen Zug alle Spieler auf die Würfel zugreifen (keine eigenen Würfel). Besonders einfallsreich ist der Mechanismus des Passens (lege einen Würfel weg und würfel die Würfel erneut), wodurch das Glückselement auf diese geniale Weise minimiert wird.

Der eigene Hotelplan ist zwar geprägt durch bekannte Elemente (fülle einen Bereich und erhalte Boni), dennoch ist hier innovativ, dass man die Boni nicht sofort erhält wenn man ein Plättchen auf seinen Plan drauflegt, sondern erst, wenn man den Raum mit einem Kunden belegt und dieses Plättchen umdreht. Es sind demnach zwei Schritte notwendig, wohingegen bei vielen anderen Spielen bereits das Platzieren des Plättchen auf den eigenen Plan Boni auslöst, falls ein Bereich abgedeckt wurde (Burgen von Burgund).

Ein weiterer innovativer Aspekt ist die Kaiserleiste, die auf den ersten Blick langweilig und sehr gängig erscheint. Auf den zweiten Blick ist doch die Aufteilung einer solchen Leiste in unterschiedliche Bereiche, die allesamt andere Folgen mit sich ziehen, eine schöne Umsetzung und wertet diesen Bereich des Spiels auf. Denn wie bereits erwähnt, erhält ein Spieler nur Boni aus der Kaiserwertung, wenn dieser sich mit seinem Spielstein im gelben Bereich befindet, wobei dem weißen Bereich nichts geschieht und der schwarze Bereich eine Bestrafung zur Folge hat.

Einige essentielle Elemente des Spiels scheinen jedoch auch sehr geläufig zu sein wie z.B. eine Kartenauslage, von der man sich bedient, das Erreichen von Zielen (Politikkarte) und das Erfüllen von Bedingungen (Bestellungen der Kunden). Auf diese Elemente hätte das Autorenduo noch innovativ aufbauen können (es muss nicht gleich eine völlige Neuentwicklung sein, da altbewährte Mechanismen auch z.B. mit minimalen und einfallsreichen Ideen "aufgefrischt" werden können.

 


Spielspaß

 

Nach sehr vielen Partien haben alle Testspieler einstimmig Spaß an "Grand Austria Hotel" gehabt. Dabei muss man wirklich sagen, dass fast alle Partien als ein Kopf-an-Kopf-Rennen verliefen und sehr spannend endeten. Den Würfelmechanismus inklusive des Passens fanden allesamt sehr interessant, gelungen und einfallsreich. Die thematische Einbettung des Spiels hat glasklar enorm den Spielspaß angehoben, wodurch der Spielverlauf keine wirklich hohe Einstiegshürde verlangte (außer die Karteneffekte), da sich alle Spieler den logischen Spielablauf besser vorstellen konnten. Des Weitern ist zu Tage getreten, dass man nicht nur komplett von den Würfeln abhängig ist, sondern jedem Spieler durch unzählige Boni der Karten eine enorme Vielfalt an Strategien und Möglichkeiten zur Verfügung steht. Der Wiederspielreiz von "Grand Austria Hotel" ist sehr hoch, da alternative Kaiserplättchen und Politikkarten vorhanden sind, sehr viele Kundenkarten und Personalkarten existieren und auch die Rückseite des eigenen Hotelplans genutzt werden kann, die eine andere Anordnung von Räumen aufweist.

Die Wartezeit ist aufgrund der Reihenfolgeplättchen (manchmal ist ein Spieler zweimal hintereinander dran oder einmal als Erster und dann als Letzter) sehr hoch, was gemischt durch die Vielzahl an Möglichkeiten doch als kleine Minderung des Spielspaßes empfunden wurde. Als weitere Minderung des Spielspaßes wurde angesehen, dass "Grand Austria Hotel" durch einige Elemente doch schon auf sehr festgefahrene Bereiche aufbaut wie z.B. Zielkarten erreichen, eine Karte aus der Auslage nehmen, Bedingungen einer Karte erfüllen, das "Puzzlen" in Bereichen auf einem eigenen Tableau, so, dass dann doch wohl gesagt wurde, dass eine durchgängige Innovation zu dem perfekten Spielspaß gefehlt hat, da man diese alte Bereiche aufgreifen und durch kreative Einfälle erweitern könnte. Folglich vermissten allesamt das letzte Fünkchen, das ein komplett neuartiges Spielgefühl hervorruft, wodurch der Spieler regelrecht "vom Hocker gerissen wird".

Dennoch bietet das vorliegende Spiel einen sehr hohen Spielspaß und ist eine Nominierung für das Kennerspiel wert!

 


Preis-Leistungs-Verhältnis

 

"Grand Austria Hotel", die Neuheit der Spielemesse 2015 des Verlages Lookout Spiele, ist ein sehr qualitativ hochwertiges Spiel. Es weist eine starke Spielmechanik, schöne Illustrationen, einen langanhaltenden Spielspaß und einige innovative Elemente auf. Die Leistung wird durch minimale Defizite in der Spielmechanik und der einfallslosen Reproduktion von sehr festgefahrenen Mechanismen gemindert. Dennoch bietet das Brettspiel von Luciani und Gigli eine sehr gute Leistung in allen Belangen und ist definitiv allen Vielspielern zu empfehlen.

Die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 42,99 Euro (Neuheitspreis), was für ein Brettspiel in diesem Format doch schon die obere Preiskategorie darstellt. An Spielmaterialien wurde im Hinblick auf die Quantität als auch auf die Qualität wahrlich nicht gespart. Dennoch wäre im Rahmen der Leistung des Spiels ein Preis unter 40 Euro als angemessen zu erachten da in der Leistung einige Defizite zu erkennen ist und in der Vielzahl an Materialien nicht von einem Preis über 40 Euro gerecht werden könnte.

 


Gesamtwertung

 

 

Kauf dir das Spiel, wenn du...

 

- gerne ein Hotel-Spiel spielen möchtest, dass ganz und gar anders ist, als die bisherigen Spiele mit dem Thema

 

- ein Spiel besitzen willst, dass eine starke Thematik aufweist und vom Spielgefühl her lebendig ist, aber bitte nicht so lebendig, dass du nach dem Spielen Torte, Apfelstrudel, Wein und Kaffee vernaschst ;)

 

- ein strategisches Spiel spielen möchtest, dass einige innovative Elemente aufweist, die sehr frisch wirken

 

- wenn du die graphische Aufmachung nicht leiden kannst. Aber im gleichen Zug Agricola spielst, weil du die graphische Aufmachung so magst (das ist vom gleichen Artist ;))

 

- "Auf den Spuren von Marco Polo" auch ganz gut fandest, denn dort steht das Würfeln auch im Fokus (außer bei einem Charakter)

 

 

Flieg' lieber nach Wien und lass die Finger von "Grand Austria Hotel", wenn du...

 

- ein vollkommen neuartiges Spiel voller Innovationen haben willst, dass die Brettspielwelt in der Art nicht gesehen hat

 

- Wartezeiten überhaupt nicht ausstehen kannst

 

- keine Strategie verfolgen willst, die du durch das Verbinden mehrerer Züge bzw. Optionen erreichen kannst, weil es dir zu anstrengend ist