16.06.15

Review: "Bruxelles 1893" von Etienne Espreman

Fakten

 

Autor: Etienne Espreman

Spieleranzahl: 2-5

Spieltyp: Expertenspiel

Spieldauer: 25 Min./Spieler

Alter: ab 13 Jahren

Erscheinungsjahr: 2013

Preis: UVP 32,94 Euro

Verlag: Pearl Games, Heidelberger Spieleverlag

Spielbeschreibung

 

Brüssel, 1893: Victor Horta entwirft die ersten Bauwerke des Jugendstils – die Maison Autrique und das Hôtel Tassel, wo die fließende Gestaltung der Räume an geschwungene, florale Linien erinnert, die sich in den organischen Formen der Kunstschmiedearbeiten, Mosaike, Fresken und Glasfenster wiederfinden. Im selben Jahr errichtet Paul Hankar sein eigenes Haus. Die belgische Hauptstadt wird so zur Wiege dieser neuartigen Bewegung, die Spuren in ganz Europa hinterlässt und Einfluss auf die großen Architekten der Belle Epoque nimmt.In diesem mitreißendem Strategiespiel, das eine Mischung aus Auktionsspiel und Workerplacement ist, seid Ihr einer der bekannten Architekten, der für den Ruhm des Jugendstils in der belgischen Hauptstadt sorgt. Eure Assistenten helfen Euch beim Ausführen von Aktionen wie dem Bau von Jugendstil-Gebäuden, oder beim Erschaffen von Kunstwerken, die diese prachtvollen Wohnsitze schmücken. Ihr könnt aber auch Euer Ansehen als Architekten steigern, Einfluss auf den Königlichen Palast oder das Rathaus nehmen oder die guten Kontakte von Persönlichkeiten nutzen, die Ihr bei Euren Theaterbesuchen kennenlernt. Der Cleverste gewinnt das Spiel!

(Quelle: Spiele Offensive)



Hintergrundinformationen

 

"Bruxelles 1893", das Erstlingswerk von Etienne Espreman aus dem Jahre 2013 wurde von unterschiedlichen Rezensenten bereits getestet. Dennoch beschleicht einen doch das Gefühl, dass das Spiel ein bisschen in der Versenkung verloren gegangen ist, da in etlichen unterschiedlichen Spielrunden die meisten Spieler von "Bruxelles 1893" kein bisschen gehört, geschweige denn es gespielt haben. Wäre ein Hype um das Spiel gerechtfertigt oder wurde es nicht genug gewürdigt? Dies erfahrt ihr im Laufe des Tests ;).

 


Spielmaterialien

 

Die Qualität der Komponenten ist hervorragend! Die einzelnen Plättchen, die Spielertableaus und die Spielfelder sind allesamt von sehr guter Qualität. Auch der Zirkel, der in das Spielfeld befestigt wird, weist keine Defizite auf und scheint robust zu sein. Einzig und allein die Kunstplättchen sind nicht vorteilhaft produziert worden. Sind diese aufeinander gestapelt kann man manchmal die Farben erkennen, die darauf abgebildet sind, was sehr relevant für den Verlauf des Spiels sein kann. Dennoch kann man dies nur registrieren, wenn man ganz genau auf die Ränder der Plättchen hinschaut. Also schau nicht zu genau hin, wenn du ehrlich spielst ;). Eigentlich sollte an so etwas im Vorfeld bei der Produktion bedacht werden. Ansonsten ist an den Spielmaterialien überhaupt nichts auszusetzen.

 


Illustration

 

Die Illustration, die den Jugendstill in einem Brettspiel wiederbelebt, ist hoch zu loben. O.k. ich muss zugeben, dass ich diese Stilrichtung sehr mag und das Artwork deshalb meinen Geschmack vollstens trifft. Dennoch ist es wirklich einzigartig, dass man ein Brettspiel in einer ganz bestimmten Stilrichtung entwirft. Oder gibt es eventuell ein Spiel, dass im Stile des Surrealismus illustriert wurde ;)? Die Illustration von "Bruxelles 1893" wirkt originell, individuell und zieht sich wie ein roter Faden durch alle Spielmaterialien hindurch. Dadurch wird beim spielen eine Atmosphäre dieser kunstgeschichtlichen Epoche erzeugt, soweit es bei diesem doch recht mechanischen Spiel möglich ist.

 


Spielmechanik

 

"Bruxelles 1893" bietet sehr viele unterschiedliche Aktionsmöglichkeiten, die den einen oder anderen Gelegenheitsspieler definitiv überfordern werden. Dennoch sind diese sehr gut miteinander verzahnt. Ich erhalte Kunstplättchen, um diese dann wieder zu verkaufen, ich erhalte Rohstoffe, um dann mein Gebäude auszubauen. Ich erhalte Persönlichkeitskarten, die eine Strategie leichter verfolgbar machen und somit eine verfolgte Strategie stärken z.B. (Aufstieg in der Architektenleiste), wenn ich mein Gebäude ausbaue etc.

Auch sind unterschiedliche Strategien zu verwirklichen, indem man einzelne Bonuskarten unter sein eigenes Tableau schiebt und dann in unterschiedlichen Bereichen seine Siegpunkte erhöht z.B. pro vier Geldeinheiten einen Siegpunkt + eventuell zwei Bonuskarten = drei Siegpunkte für vier Geld.


Somit können individuell Akzente und Schwerpunkte in der eigenen Strategie gesetzt werden.

Des Weiteren ist noch an der Spielmechanik positiv hervorzuheben, dass jeder Spieler bereits beim Setzen der Assistenten sehr strategisch vorgehen muss. Das heißt, ich muss gucken, dass ich die Wappenmehrheiten erhalte und beabsichtigte Bonuskarten bekomme, indem ich das meiste Geld in einer Spalte setze. Jeder gesetzte Assistent bzw. jeder damit verbundene Geldeinsatz löst also weitreichende Folgen aus und wird bestraft, was wiederum für eine gute ineinander verzahnte Spielmechanik spricht.

Dennoch sind mir einige Defizite in diesem Brettspiel aufgefallen, die unbedingt erwähnt werden müssen. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass die unterschiedlichen Zeilen, in denen ich Bonuskarten hineinschieben kann, in ihrer Stärke variieren und womöglich nicht ganz ausbalanciert sind. Für mich gibt es klare Kategorien, die als Generatoren von Siegpunkten in Betracht kommen und die ich dann mit Bonuskarten "füttere". Wenn ich auf die Zeile (am Ende des Spiels einen Siegpunkt für des Kunstwerkpättchen) gehe, habe ich den Nachteil, dass ich diese nicht verkaufen sollte und demzufolge leider keine Siegpunkte und Geld während des Spielverlaufs erhalte, was wiederum fatal ist, da man Geld braucht, um Aktionsfelder zu besetzen. Es gibt einige Kategorien, bei denen man nicht während des Spiels so viele Defizite einstecken muss. Ein weiteres Beispiel ist, dass wenn ich auf Persönlichkeitskarten setze, ich am Ende des Spiels auch die Kosten dieser bezahlen muss, um keine Strafe zu erhalten. Ein weitere Schwäche dieser Strategie ist, dass ich die Karten nur aktivieren kann, wenn ich auf dem Brüssel-Spielplan eine Akton ausführe und das bedeutet, dass meist ein Assistent in den Justizpalast kommt (also eine Aktion weniger in der nächsten Runde). In dieser Hinsicht wirkt die Spielmechanik nicht genug ausgearbeitet und defizitär, da bestimmte Strategien viel stärker als andere sind.

Weiterhin verändert sich auch das Spielgeschehen mit unterschiedlicher Spieleranzahl. Während bei zwei Spielern der Brüssel-Spielplan kaum zum Einsatz kommt, wird den Aktionen auf diesem bei vier oder fünf Spielern viel mehr Wert beigemessen. Denn ich habe die Beobachtung gemacht, dass bei voller Spielbesetzung mehr Leute die Aktionen ausführen. Je mehr Leute dort Aktionen ausführen, desto mehr Spieler ziehen mit, da bei Gleichstand dann alle dort vertretenen Spieler einen Assistenten in den Justizpalast senden müssen. Bei zwei Spielern führe ich dann lieber keine Aktion auf dem Brüssel-Spielplan aus, wenn mein Gegenspieler dort eine Aktion ausgeführt hat, damit nur dieser dann einen Assistenten in Justizpalast versenden muss. Auch dieses Ungleichgewicht habe ich als Defizit in der Spielmechanik wahrgenommen, denn eine Spielmechanik sollte eigentlich nicht von der Spieleranzahl in einem so hohen Maße beeinflusst werden.

Die Spielmechanik weist sowohl Stärken als auch einige Schwächen auf!

 


Innovation

 

"Bruxelles 1893" ist definitiv innovativ!

 

Die komplette Aufmachung und auch die Thematik, die dann doch letztendlich auf einer abstrakteren Ebene verharren, wirken dennoch frisch und einzigartig. Auch bietet dieses Spiel hinsichtlich einzelner Mechanismen originelle Einfälle, die es definitiv aufwerten wie z.B.:

 

- der Zirkel, der die aktuellen Baukosten anzeigt und den man nach dem Bauen verändern kann, indem man einen der Schenkel verändert.

 

- die Begrenzung eines Aktionsfeldes gemäß Koordinaten.

 

- der Ateliermarker, den man entsprechend in einem quadritischen Gitter bewegen kann, um für sich Siegpunkte und Geld in einem selbst bestimmten Verhältnis zu generieren

 

- die Wappenmehrheiten auf dem Jugendstil-Spielplan: wenn du in vier nebeneinander liegenden Aktionsfeldern die Mehrheit durch Assistenten hast. Also eigentlich nicht nebeneinander sondern eher wie in einem Quadrat.

 

- das Gefühl von Roulette ;): indem man auf Felder Geld drauflegt und drauf hofft, dass der Gegenspieler dies nicht überbietet. Ich weiß Roulette spielt sich nicht so, aber irgendwie erinnert mich das an ein Casino-Feeling :).

 

Natürlich baut "Bruxelles 1893" auch auf vielen Mechanismen auf, die man bereits kennt: Rohstoffe sammeln, Bauaktionen durchführen, Verkaufsaktionen auslösen. Die Art und Weise, wie diese Mechanismen verpackt wurden, ist jedoch einzigartig.

 


Spielspaß

 

"Bruxelles 1893" macht auf jeden Fall Spaß und ist Vielspielern zu empfehlen, die "Euro-Games" mögen. Bei diesem Spiel ist jedoch die Frustrationstoleranz relativ hoch, wenn z.B. einem die gewollte Persönlichkeitskarte bzw. beabsichtigte Bonuskarte wegschnappt wird oder der Gegenspieler zeitlich vor einem baut und die Kostenzeiger so verändert, dass man selbst nicht mehr bauen kann :(.

Bei diesem Spiel muss man viele entweder-oder-Entscheidungen treffen und unfassbar viele Faktoren bedenken, wenn man eine Aktion ausführt. Dieser Umstand wird wahrscheinlich Gelegenheitsspielern kaum Spaß bereiten, da dann doch die Überforderung zu hoch ist.

Der Spielspaß wird dadurch gedämpft, dass ich das Gefühl einer Unausgewogenheit bzgl. Spielmechanik habe, indem der Ausbau einiger Zeilen auf dem persönlichen Tableau durch Bonuskarten lukrativer erscheinen als andere. Ich würde gerne auch mal eine komplett andere Strategie durchziehen, die in meinen Augen weniger effektiv erscheint. Jedoch bin ich mir ziemlicher sicher, dass ich dadurch der sicheren Niederlage entgegen spiele. Durch diese Unausgewogenheit mindert sich die Variabilität des Spiels, da man meist die gleiche Strategien verfolgt. Wiederum führt dies zur einer Minderung des Spielspaßes

Grundsätzlich macht Bruxelles wirklich Spaß und ist ein tolles Spiel. Jedoch führen die eben aufgeführten Kritikpunkte zu einer Abstufung der Bewertung dieser Kategorie.

Bei zwei Spielern ist das Spiel übrigens ca. in einer Stunde durchgespielt.

 


Preis-Leistungs-Verhältnis

 

Der günstigste Preis, den ich im Internet gefunden habe, ist ca. 33 Euro. Lohnt sich die Investionen dieses Geldes in das Spiel?

 

Ja, auf jeden Fall! Bruxelles bietet eine Menge qualitativ hochwertiger Materialien, eine sehr eigene thematische Einbettung, innovative Elemente und eine Mechanik, die jedoch sowohl Stärken als auch Schwächen aufweist. Dennoch macht Bruxelles in allen Spielerbesetzungen Spaß und richtet sich nur an Vielspieler, da sich das Spiel definitiv nach Arbeit anfühlt. Ich würde das Spiel aufgrund der innovativen Elemente empfehlen, da sich das Spielgefühl wirklich neu und frisch anfühlt. Perfekt ist das "Bruxelles 1893" jedoch nicht, da die Spielmechanik meines Erachtens nicht komplett durchdacht wurde und unausgewogen wirkt. In Relation zu dem doch recht hohen Preis kommt es zur folgender Bewertung.

 


Gesamtwertung

 

Kauf dir Bruxelles 1893, wenn du....

 

- generell "Euro-Games" magst

 

- innovative Elemente im Spiel haben möchtest

 

- Denkleistung betreiben willst, um Demenz vorzubeugen

 

- ein Fan von der Stilrichtung Jugendstil bist, oder ein sehr individuelles Art-Work suchst

 

- definitiv ein Vielspieler bist

 

- dich im Spiel auch mal ärgern willst

 

- ein mittellanges Spiel für ca. eine Stunde bei zwei Spielern suchst

 

 

Lass die Finger von dem Spiel, wenn du..

 

- meinst, dass dich bereits zwei Aktionsmöglichkeiten überfordern

 

- du überhaupt kein Fable für Architektur und Stilrichtungen hast

 

- weißt, dass dein "Frustpegel" zu schnell steigt und du direkt anfängst das Spiel und alle Mitmenschen, die mit dir spielen, zu hassen

 

- sehr gute ausbalancierte strategische Möglichkeiten in einem Brettspiel suchst