Review: "Rokoko" von Mathias Cramer, Louis und Stefan Malz

Fakten

Autoren: Matthias Cramer, Louis Malz, Stefan Malz

Spieleranzahl: 2-5 Spieler

Verlag: Pegasus Spiele

Spieldauer: 60- 120 Minuten

Alter: ab 12 Jahren

Erscheinungsjahr: 2013

Preis: UVP 34,95 Euro


Spielbeschreibung

 

Willkommen im Rokoko. In Frankreich regiert Ludwig XV. und es gilt als chic, aufwendige Bälle zu veranstalten. Alles, was Rang und Namen hat, ist regelrecht darauf versessen, die edelsten Kleidungsstücke für sich zu beanspruchen und damit alle anderen zu überstrahlen. Bis zum großen Ball sind es nur noch wenige Wochen, und plötzlich scheint jeder etwas von dir zu wollen: einen eleganten Herrenrock hier, ein atemberaubendes Kleid dort oder eine Spende für das Feuerwerk. Schnell wird dir eines klar: Es geht nicht mehr nur darum, dein bescheidenes Schneider-Atelier zu leiten, du sollst auch gleich noch den wichtigsten Ball der Epoche managen. Und wenn du dabei glänzen kannst, wirst du in die Geschichtsbücher eingehen! Rokoko vermag es, durch seine spielerische und atmosphärische Tiefe, das Gefühl einer ganzen Epoche einzufangen und die Spieler unaufhörlich in seinen Bann zu ziehen.

 

Quelle: Pegasus Spiele



Hintergrundinformationen

 

Rokoko, das Spiel von dem Autorentrio Matthias Cramer, Louis und Stefan Malz erschien 2013 und wurde zum Kennerspiel des Jahres 2014 nominiert. Die drei Namen müssten jedem Vielspieler bekannt sein. Louis und Stefan Malz haben im Jahr 2012 das erfolgreiche Spiel Edo veröffentlicht und den Namen Cramer kennt man von Spielen wie u.a. Lancaster, Helvetia und Glen More. Keine unbekannten Autoren, die mit diesem aktuellen Spiel in Verbindung stehen.

Doch handelt es sich bei Rokoko letztendlich nur um mehr Schein als Sein? Seid gespannt...

Quelle: boardgamegeek


Spielmaterialien

 

Die Materialien sind fast alle von sehr guter Qualität. Angefangen von den Kleiderplättchen, über die Karten, dem Spielbrett bis hin zu den Münzen gibt es überhaupt nichts zu beanstanden. Bei den Stoffballenplättchen ergaben sich jedoch Probleme beim vorsichtigen Ausstanzen, da sie zum Teil leicht anrissen, was wiederum nicht so erfreulich war und von minderer Qualität zeugt. Pegasus hat aber schnellstmöglich Ersatz zugeschickt, was den Brettspiegel wieder glücklich stimmte.

Sehr gute Qualität mit kleineren Defiziten von einigen Spielmaterialien.

                              5 von 6 Spiegeln


Illustration

 

Die Illustration passt gut zum Spiel! Das Spielbrett wurde sehr schön von Michael Menzel illustriert und bringt die Stimmung dieser Zeit, die sich aus dem Spätbarock entwickelte, stark zum Ausdruck.

Das Spielbrett zeigt einzelne Säle des Schlosses Versailles, die detailgetreu und stimmungsvoll illustriert wurden und gänzlich das Spielgefühl unterstützen. Man fühlt sich beim spielen wie in diese Zeit zurückversetzt. Genau das will Rokoko auch hervorrufen und man muss sagen: Dies gelingt!

Die Handkarten, die jeder Spieler zur Verfügung hat, ergänzen die schönen Illustrationen auf dem Spielbrett. Man weiß ja mittlerweile aus „Brügge“, dass Menzel in puncto „Gesichter auf das Blatt bringen“ sehr kreativ und qualitativ arbeitet. Jedoch ist es schade, dass nur drei unterschiedliche Persönlichkeitskarten (Meister, Lehrling, Geselle) angefertigt wurden, die „nur“ in verschiedenen Ausführungen existieren d.h. mit verschiedenen Texten versehen sind. Vielleicht war der Michael mit seinen Gedanken schon bei „Andor – Reise in den Norden“ und hat deshalb nicht mehrere Personen zeichnen können... Wer weiß? ;)

Auch die Kleiderplättchen, von denen es von jeder Farbe nur einen bestimmten Kleidertyp gibt, hätte man vielfältiger gestalten können, damit das Spiel noch realistischer erscheint. Denn eine starke Thematik und ein realistisches Spielgefühl will Rokoko definitiv erreichen und schafft es auch zum größten Teil mit der Illustration.

Ein weiterer Punkt wäre noch, dass wenn man sich der Thematik des Schlosses Versailles in Verbindung mit Bällen annimmt, definitiv den weltberühmten Spiegelsaal hätte hervorheben müssen, welcher aus der Illustration nicht deutlich heraussticht. Optimal wäre es gewesen, anstelle von unterschiedlichen Räumen, den Spiegelsaal zum Zentrum des Balles zu machen und diesen detailgetreu auszuarbeiten. 

Wie bereits erwähnt kommt die Thematik gut zum Vorschein, jedoch bleibt unklar, ob der Mitspieler mit seinen ausgespielten Handkarten die gleichen Arbeiter in sein Atelier eingestellt hat, was eigentlich nicht so logisch wäre, da wir ja Konkurrenten sind. Demnach existieren minimale thematische Unklarheiten, die auf optischen Begebenheiten basieren und die stimmungsvolle Atmosphäre von "Rokoko" etwas trüben.

Dennoch schöne Illustrationen, die man aber perfekt ausarbeiten hätte können. Sie vermitteln eine schöne thematische Atmosphäre der damaligen Zeit, die jedoch in manchen Fällen unvollständig wirkt und Fragen aufwirft. 

                                3,5 von 6 Spiegeln


Spielmechanik

 

Wie spielt man denn das Spiel eigentlich?

In Rokoko fängt jeder Spieler mit den gleichen fünf Handkarten an, die drei unterschiedliche Charaktere umfassen: Gesellen, Meister und Lehrling.

Zu Beginn jeder Runde, von der es genau Sieben im Spiel gibt, wählt sich jeder Spieler drei Karten von seinem verdeckten Kartenstapel auf der linken Seite seines Spielertableaus aus.

Im Laufe des Spiels werden unterschiedliche Aktionen mit dem Ausspielen einer Karte aktiviert. Mit den Meisterkarten stehen einem alle Aktionen zur Verfügung, wobei mit Lehrlingen und Gesellen nur ganz bestimmte Aktionen ausgeführt werden können.

 

Die unterschiedlichen Aktionen:

1) Nehme die Karte „Gunst der Königin“ = Du erhältst sofort 5 Livre (Geldeinheiten) und wirst Startspieler in der nächsten Runde (Meister/Geselle).

 

2) Rohstoffe erwerben: Nimm dir ein Rohstoffplättchen, damit du in einem späteren Zug Kleider schneidern kannst. Die jeweiligen Kosten sind auf dem Spielbrett abgebildet. Wenn du ein Plättchen nimmst, musst du sofort entscheiden: Rohstoffe oberhalb oder unterhalb des Trennstrichs. Entweder Stoffballen oder Garn und/oder Spitze (Meister, Geselle, Lehrling).

 

3) Kleid schneidern: Nun wird es ernst! Gebe deine Rohstoffe (Stoffballen mit eventuellen Zusätzen wie Garn und/oder Spitze) ab und fertige ein Kleid an, indem du den jeweiligen Geldbetrag oberhalb des Fensters, in dem das Kleid steht, zahlst. Auch hier musst du dich sofort entscheiden. Nimmst du einfach den Geldbetrag (Verkaufen) oder verleihst du das Kleid an einen Gast für den großen Ball, der am Ende des Spiels stattfindet. Ist Zweiteres der Fall, drehst du das Plättchen um und legst es auf eines der Plätze in den Sälen. Kleider mit einem goldenen Fingerhut können nur mit einem Meister geschneidert werden und dürfen auch auf Plätze mit einem goldenen Fingerhut gelegt werden, was für die letztendliche Abrechnung wichtig ist. Falls auf den Feldern noch Boni abgebildet sind, erhältst du diese natürlich. Vergesse nicht deinen Marker auf das Kleid zu legen., damit man weiß, wer welches Kleid geschneidert hat (Geselle/Meister).

 

4) Arbeiter einstellen: Nimm dir eine der fünf Arbeiterkarten, die neben dem Spielfeld ausgelegt wurden und zahle die entsprechenden Kosten. Das bedeutet, dass du in der entsprechenden Runde im Prinzip eine Aktion mehr hast (Meister).

 

5) Arbeiter entsenden: Die ausgespielte Arbeiterkarte wird ganz aus dem Spiel entfernt und du erhältst entsprechend Geld (Meister, Geselle, Lehrling).

 

6) Ausstattung finanzieren: Es gibt bestimmte Ausstattungsfelder, die man finanzieren kann. Du legst entsprechend deinen Marker auf diese, wenn du bezahlt hast. Der Ball muss natürlich etwas „aufgepimpt“ werden ;). Bei der Endwertung gibt es noch entsprechende Punkte für diese Ausstattungen (Meister/Geselle/Lehrling).

Wie bereits erwähnt, spielst du eine Karte aus und aktivierst dadurch eine der sechs Aktionen. Die meisten Karten haben noch eine weitere Aktion (Kartentext), die du sofort im Anschluss aktivieren kannst!

 

 

Wie wird man denn nun der Lagerfeld des Rokoko?

 

In der Nacht des großen Balls regnet es dann Punkte für:

 

- die Kleidermehrheiten in jedem der fünf Säle und auf der Terrasse

 

- das Bestaunen des Feuerwerks von der Terrasse aus: Kleider im obersten Saal werden auf die Terrasse verschoben, falls dort eine Ausstattung finanziert wurde (doppelte Punkte für das Kleid beim Einsammeln der Besitzmarker)

 

- die Statuen- Ausstattungsfelder: Hier erhältst du, wenn du von jeder Farbe ein Kleid hast, acht Punkte (2 Punkte pro Farbe)

 

- das Einsammeln der Besitzmarker von Kleidern und Ausstattungsfeldern (auch Statuenfeld u. Bonusfelder. Nun sammelst du alle Besitzmarker ein. Das kann ganz schön viel werden. Also konzentrier dich :)

 

 

Wie ist die Spielmechanik? 

 

Rokoko ist ein klassisches Mehrheitenspiel, welches mit Deckbauelementen (jeder erhält am Anfang ein Kartenset und erweitert dieses) angereichert wurde.

Das Spiel spielt sich flüssig und plausibel, was durch die Thematik unterstützt wird. Ein weiterer Punkt ist, dass die einzelnen Aktionen logisch aufeinander aufbauen und sehr eng miteinander verwoben sind. Ich kaufe mir z.B. Stoffballen, um diese im nächsten Zug zu einem Kleid zu verarbeiten, welches ich auf einem optimalen Platz in einen Saal legen sollte, um dadurch in der Mehrheitenwertung gut abzuschneiden. Im Zuge dessen ist es noch notwendig, dass du dir über die Zusatzaktion deiner ausgespielten Karte im Klaren bist.

Dies zeigt alles auf, dass falsche Entscheidungen weitreichende Folgen mit sich ziehen können, was wiederum die positive kausale Eigenschaft des Mechanismus hervorhebt.

Dennoch sind zwei Kritikpunkte zu benennen. Die bisher gespielten Partien haben einen Eindruck von Unausgewogenheit suggeriert. Es kam das Gefühl auf, dass die Fokussierung auf die Finanzierung von Ausstattungen von dem Spiel bestraft wird und der Spieler, der sich überwiegend auf das Schneidern von Kleidern konzentriert hat, das Spiel durch die Mehrheiten gewinnt. Demnach wird man in diesem Spiel regelrecht dazu gezwungen, so viele Kleider wie möglich zu schneidern, da die Ausstattungsfelder das Defizit an Siegpunkten nicht ausgleichen können. Bisher haben sich somit Strategien, die aus einem Mix von dem Schneidern von Kleidern und Finanzieren von Ausstattungen bestanden, nicht als effektiv erwiesen. Habt ihr auch diese Erfahrung gemacht? Hinterlasst hier einen Kommentar und wir können darüber diskutieren.

Des Weiteren bietet die Spielmechanik zwar viele Aktionsmöglichkeiten an, die auf den ersten Blick vielfältig erscheinen, jedoch nur in zweierlei Hinsicht enden können: In dem Schneidern von Kleidern oder dem Finanzieren der Ausstattungsfelder, was die anfänglichen vielen Aktionsmöglichkeiten wiederum auf letztendlich zwei Hauptziele reduziert, die man einigermaßen erreicht haben muss, um überhaupt mithalten zu können. Somit wird die Vielfältigkeit des Mechanismus beschränkt, sodass dieser sich nicht vollends bei so vielen Aktionsmöglichkeiten entfalten kann. Optimal wäre es gewesen, auf der Basis so vieler Aktionsmöglichkeiten auch in den Genuss unterschiedlichster strategischer Ziele zu kommen und nicht nur auf zwei beschränkt zu werden.

 

Die einzelnen Mechanismen sind gut miteinander verzahnt. Dennoch tendiert die Spielmechanik zur Unausgewogenheit und beschränkt die strategischen Möglichkeiten.

 

                               3,5 von 6 Spiegeln


Innovation

 

Rokoko bietet ein unglaublich neues Spielgefühl...., oder?

 

Nein, das tut es nicht. „Rokoko“ erzeugt kein Gefühl von „Krass, sowas habe ich noch nie gespielt!“. Es verknüpft ein klassisches Mehrheitenspiel mit bekannten Deckbauelementen. Weiterhin kann man eindeutig Parallelen zu dem Spiel Fresko ziehen, in welchem auch Farben gekauft werden, die man in Abschnitte eines Freskos „weiterverarbeitet“.

Von daher Leute Hand aufs Herz: Das Spiel bietet kaum Innovationen, außer vielleicht die außergewöhnliche Thematik, die wirklich hervorzuheben ist. Das Spiel fühlt sich altbekannt, 100 Mal irgendwo anders gespielt und nicht innovativ und frisch an.

                               2 von 6 Spiegeln


Spielspaß

 

Auch wenn das Spiel wirklich nicht innovativ ist und der Mechanismus einige Schwächen inne hat, macht das Spiel auf jeden Fall Spaß. Der Einstieg für Vielspieler müsste recht leicht fallen, wobei Gelegenheitsspieler anfänglich Schwierigkeiten mit dem Spiel haben können, da es aufgrund der vielen Aktionsmöglichkeiten zur Unübersichtlichkeit kommen kann. Dies wird aber dadurch aufgehoben, indem sich der Spieler bzw. die Spielerin selbst klar macht, dass das Augenmerk des Spiels auf dem Schneidern von Kleidern und eventuell noch nebenbei dem Finanzieren von Ausstattungen liegt und alle Aktionen auf diese zwei Endpunkte hinauslaufen.

Die reine Spielzeit beträgt bei zwei Spielern ca. 90 Minuten. Bei drei und vier Spielern kann diese auf 120 Minuten ausgedehnt werden, wobei  sich dieses Spiel wirklich nicht zäh spielt und die Zeit wie im Flug vergeht.

"Rokoko" von Matthias Cramer, Louis und Stefan Malz ist ein gutes Spiel, was man immer wieder mal spielen kann, aber nicht unbedingt spielen muss! Wenn es gespielt wurde, habe ich es nicht bereut, da es ein lobenswert thematisches Spiel ist, was die Atmosphäre der damaligen Zeit gut transportiert.

Der Wille dieses Spiel unbedingt immer und immer wieder spielen zu wollen ist nicht so hoch, da die strategischen Möglichkeiten sehr stark begrenzt sind. Aber ab und gelangt es sicherlich auf den Spieltisch und dann macht es auch Spaß. Ich bin mal gespannt, was die Erweiterung bringen wird. Bei "Rokoko" tendiere ich beim Spielspaß zwischen 3,5 und 4 Spiegeln, wobei ich letztlich 3,5 Spiegel vergebe.

 

                                3,5 Spiegel von 6 Spiegeln


Preis-Leistungs-Verhältnis

 

Betrachtet man den aktuellen Preis von ca. 20 – 24 Euro, ist in Anbetracht der Vielzahl an Komponenten ein gutes Preis-Leistungsverhältnis hervorzuheben. „Rokoko“: ein thematisches Spiel, das in einem gewissen Rahmen Spaß macht, schön illustriert ist und zu einem fairen Preis angeboten wird. Eine Abschwächung der Leistung findet durch größere Defizite in der Spielmechanik und der Innovation statt.

                                   4 von 6 Spiegeln


Gesamtwertung


Ich kann dir das Spiel wärmstens empfehlen, wenn...

 

- du in deiner Freizeit gerne Kleider nähst und das Thema deshalb genau deinem Interessengebiet entsprichst.

 

- du ein Spiel suchst, das dich als Gelegenheitsspieler nicht überfordert und eindeutig ist, was du für eine Strategie verfolgen musst, um erfolgreich gespielt zu haben (Endziel: Kleider schneidern und Ausstattungen finanzieren).

 

- du ein schön illustriertes Spiel suchst, was die Stimmung der damaligen Zeit gut transportiert.

 

- du ein gutes Spiel für einen fairen Preis erhalten möchtest (sehen wir mal von der UVP ab), was du nicht jeden Tag spielen solltest, da du sonst die Nase voll vom Schneidern haben wirst. Somit ein Spiel suchst, was du manchmal spielen kannst, um den Wiederspielreiz beizubehalten.


Ich kann dir das Spiel nicht empfehlen, wenn...

 

du ein sehr strategisches Spiel suchst, in welchem viele komplexe Strategien zum Sieg führen können.

 

- du keine Brettspiele magst.


- du mit dem Thema nichts anfangen kannst, da du sagst, dass Ludwig XV ein Psychopath war oder dieses Thema nichts für "harte Kerle" sei.

 

- du ein Spiel suchst, was Mechanismen bietet, die du nicht zuvor schon 100 Mal woanders gespielt hast.

 

- du ein reines Spiel mit Deckbauelementen wie Dominion suchst, Dominion spielst und sagst das Dominion ein schlechtes Spiel ist.

 

- du ein extrem thematisches Spiel suchst, welches in jeder Hinsicht plausibel und nachvollziehbar ist und dir keine Fragen bzgl. der thematischen Einbettung einfallen.

 

- du nicht gut 1,5 Stunden oder 2 Stunden ein Spiel spielen möchtest.