Review: "Orléans" von Reiner Stockhausen

Fakten

Autor: Reiner Stockhausen

Spieleranzahl: 2-4 

Verlag: dlp games

Spieldauer: 90 Minuten

Alter: ab 12 Jahren

Erscheinungsjahr: 2014

Preis: UVP 45,00 Euro


Spielbeschreibung

 

Mit "Orléans" legt "dlp" sein bisher komplexestes und vom Material umfangreichstes Werk vor. Spielbar für 2-4 Spieler ab 12 Jahren geht es inhaltlich darum, im mittelalterlichen Frankreich die Vorherrschaft durch Handel, Bautätigkeit und Wissenschaft zu erlangen. Im Mittelpunkt steht die Stadt Orléans und die Gegend an der Loire, wo man Handelsreisen in andere Städte unternehmen kann, um an begehrte Waren zu kommen und Kontore zu bauen.

Der Clou am Spiel, ist die Art und Weise, wie man Aktionen auslöst. Benötigt werden dazu nämlich verschiedene Personen wie Bauern, Handwerker, Ritter oder Mönche. Die Gefolgschaft stellt sich jeder Spieler im Laufe des Spiels selbst zusammen. Jeder Berufsstand ist mit bestimmten Vorteilen verbunden. So vergrößern Ritter den eigenen Aktionsradius und werden zugleich benötigt, um Handelsreisen zu begleiten. Im Dorf kann man Handwerker engagieren, die beim Bau von Kontoren helfen und Werkzeug herstellen. Gelehrte sind wichtig, um den Fortschritt voran zu treiben. Und nicht zuletzt lohnt es sich, im Kloster aktiv zu werden, denn mit Hilfe der Mönche ist man dem Schicksal weniger stark ausgeliefert.

Immer möchte man mehr Aktionen ausführen als man kann und der Wege, die zum Ziel führen, gibt es viele. Das Spiel bietet jede Menge Möglichkeiten: Man kann zusätzliche Aktionen erwerben, sich in dem einen Bereich engagieren oder in dem anderen. Je nach Strategie sollte man seine Gefolgschaft sowie auch alle anderen Spielelemente bewusst wählen und aufeinander abstimmen. "Orléans" ist ein Leckerbissen für Strategie-Fans.

(Quelle: dlp games)


Hintergrundinformationen

 

Das Brettspiel "Orléans" wurde im letzten Spielejahrgang zum Kennerspiel nominiert und hat in der Community für Furore gesorgt. Bisher erschienene Rezensionen berichten überaus positiv über dieses Produkt von Reiner Stockhausen (Interview: hier). Das macht "Orléans" natürlich als Testobjekt sehr interessant. Mal schauen, ob der Brettspiegel sich den positiven Resonanzen anschließen kann ;).


Spielmaterialien

 

"Orléans" bietet eine volle Box voller Spielmaterialien, was sicherlich den einen oder anderen Spieler freuen wird. Alle Materialien sind ausnahmslos von herausragender Qualität. Die Plättchen, Spielpläne und Beutel zeugen von einer hochwertigen Produktion. Nur wäre es wirklich schön gewesen, wenn ein Wertungsblock im Spielepaket enthalten wäre, was mittlerweile für Spiele mit vielen Siegpunktwertungen obligatorisch ist. Ansonsten ist eine herausragende Qualität der Materialien auszumachen! Super!

                                            5,5 von 6 Spiegeln


Illustrationen

 

Die optische Aufmachung hat uns jetzt nicht vom "Hocker gerissen", strahlt jedoch durch die Einfachheit bzw. Primitivität einen gewissen Charme aus, der sehr eigen wirkt. Alle Elemente des Spiels fügen sich optisch gut ineinander und ergeben ein stimmiges Gesamtbild. Hier und da hätten man sich noch ein bisschen mehr Variabilität in der Aufmachung gewünscht. Dennoch ist "Orléans" im Rahmen der Illustrationen eine solide Produktion!

                                                 4,5 von 6 Spiegeln


Spielmechanik

 

Wie funktioniert das Spiel im Groben?

 

Grundsätzlich handelt es sich um ein "Bag-Buildung-Spiel! Man sammelt unterschiedlichste Plättchen (Personen), bunkert diese im eigenen Beutel, zieht zufällig welche raus und verwendet diese wiederum, um Aktionen durchzuführen. Meist setzt man Personenplättchen ein, um auf diversen Leisten voranzuschreiten, die in bestimmten Bereichen Boni zur Verfügung stellen, wie z.B. Geld generieren, mehr Personenplättchen aus dem Beutel ziehen, neue eigene Orte mit Aktionen bauen etc. Natürlich muss man für ganz bestimmte Aktionen entsprechende Personenplättchen einsetzten, die aus dem eigenen Beutel gezogen werden müssen. Dennoch gibt es ausreichend Möglichkeiten, diese Glücksmomente z.B. durch Mönchsplättchen (Joker), Technikplättchen und der Ansammlung von bestimmten Personen (Wahrscheinlichkeiten) etc. im Beutel auszugleichen.

Im Spielverlauf ist es weiterhin auch möglich zu Reisen, um bestimmte Warenplättchen einzusammeln, die zum Spielende Siegpunkte bringen. Auch das Setzen von Kontoren während der Reisen generiert am Schluss Siegpunkte. Wenn man in bestimmten Bereichen des Spiels als erster Spieler spezielle Felder betritt, können noch Bonusplättchen ergattert werden, die ebenso die Siegpunkte in der Endwertung vermehren. Durch die Felder des Spielplans "Segensreiche Werke" ist es möglich, Plättchen endgültig zu entsenden (sind danach nicht mehr nutzbar) und auf vorgesehene Felder einzusetzen, um auch dort Boni zu erhalten. Final ist noch zu erwähnen, dass zu Beginn jeder Runde ein Ereignis aufgedeckt wird, das bei der Erfüllung der Anforderungen Boni gewährt oder Sanktionen mit sich zieht.

 

Wie ist die Mechanik?

 

"Orléans" funktioniert sehr gut! Die einzelnen Phasen bauen angemessen aufeinander auf und wurden gut durchdacht. Die eigenen Spielertableaus mit den vielen Aktionsmöglichkeiten wirken ausgereift, wobei man das Gefühl hat, dass die Personenplättchen, die für die jeweiligen Aktionen aufgewendet werden müssen, auch angemessen sind. Dadurch lässt sich eine gute Kosten-Nutzen-Relation ausmachen. Ferner ist auf dem Reiseplan positiv hervorzuheben, dass dieser bei drei und zwei Spielern angepasst wird, indem Waren vom Plan genommen werden. Der Plan der "Segenreichen Werke", auf dem alle Spieler ihre Personenplättchen endgültig entsenden können und dadurch Boni erhalten, wird leider nicht auf zwei bzw. drei Spieler skaliert, sodass viele Felder nicht bedeckt werden. Eine Skalierung dieses Planes wäre erforderlich gewesen, um den Wettstreit bzw. den Konkurrenzkampf zwischen den Spielern zu erhöhen. Des Weiteren ist jede Runde auf die aufgedeckten Ereignisse  Rücksicht zu nehmen, die angemessen auf die Spielabläufe Bezug nehmen. Dennoch stellt sich diesbezüglich die Frage, warum das erste standardmäßige Ereignis zum Vorschein bringt, dass keine Mönche angeworben werden können, wenn es in der ersten Runde sowieso nicht möglich ist, diese anzuwerben. Dieser Umstand bleibt etwas unklar.

"Glückselemente" sind in "Orléans" definitiv vorhanden, da man zu Beginn jeder Runde neue Personenplättchen aus seinem Beutel zieht. Nichtsdestotrotz existieren ausreichend Optionen, um dieses Element in einem gewissen Rahmen einzugrenzen, wie z.B. durch Mönche (Joker), auf der Ritterleiste vorgehen (man darf mehr Personen ziehen) etc. Es ist der Regelfall, dass man im Verlaufe des Spiels immer mehr Personenplättchen in seinem Beutel anhäuft. Denn mit Aktionen schreitet man nicht nur auf bestimmten Leisten voran, sondern nimmt sich das entsprechende Personenplättchen und tut diesen in seinen Beutel. Weiterhin ist es nicht abwegig, dass man auf der Ritterleiste voranschreitet, um im Laufe des Spiels bzw. zu Beginn jeder Runde mehr Personenplättchen ziehen zu dürfen, wodurch der Aktionsradius erweitert wird. Folglich entsteht eine richtige "Maschinerie", die in Gang gesetzt wird und durch die immer mehr Aktionen gleichzeitig aktiviert werden können. Dies ist Fluch und Segen zugleich, denn durch mehr Optionen entstehen wichtige Entscheidungen, die einem sehr starke "Kopfzerbrechen" bereiten können ;). Zudem ist es ratsam, in diversen Leisten als erster Spiele bestimmte Felder zu erreichen, um ganz spezielle Plättchen zu ergattern, die für die Endwertung relevant sind. Diese sind nur einmalig vorhanden und es entwickelt sich ein regelrechter Wettstreit um diese Plättchen.

Final ist zu sagen, dass "Orléans" sehr viel richtig macht und man fühlt regelreicht, dass das Spiel sehr ausgereift ist. Der zentrale "Bag-Building-Mechanismus" funktioniert einwandfrei ist hoch zu loben!

                                                   5 von 6 Spiegeln (2 Spieler)

                                           5,5 von 6 Spiegeln (3 und 4 Spieler)


Innovationen

 

Das vorliegende Brettspiel fühlt sich außerordentlich frisch und innovativ an! Natürlich ist hier nicht von einer thematischen Stärke auszugehen, da die thematische Einleitung im Regelwerk nur wenige Zeilen umfasst. In puncto Innovation ist der kreative "Bag-Building-Mechanismus" zu nennen, der das Spiel antreibt und mit dem einzelnen Aktionensmöglichkeiten hervorragend verbunden wurden. Zwar sind Ereigniskarten, die jede Runde aufgedeckt werden und Leisten, auf denen man voranschreitet, nichts Neues mehr, nichtsdestotrotz wurden diese Elemente auf so gelungene Weise mit dem Hauptmechanismus verknüpft, dass diese ebenfalls elegant und erfrischend daherkommen. Super Einfälle und Ideen von Reiner Stockhausen! 

                                                   5 von 6 Spiegeln


Spielspaß

 

"Orléans" ist definitiv ein Vielspielerspiel, das seinen Reiz hat. Vor allem der Fakt, dass alle Spieler gleichzeitig ihre Personenplättchen einsetzen, sorgt für eine geringe Wartezeit, was den einen oder anderen Spieler sehr freuen wird. Zwar bietet "Orléans" eine Fülle an Aktionsmöglichkeiten, dennoch bleibt Spiel sehr eingängig und gut erlernbar. Ferner werden die Spieler laufend vor wichtige Entscheidungen gestellt, die allesamt effektiv erscheinen und interessante "Kniffe" mit sich bringen. Der "Bag-Building-Mechanismus" begünstigt durch spannende Momente einen sehr hohen Spielspaß und Wiederspielreiz. Oft hofft man zu bestimmten Zeitpunkten, ganz bestimmte Personenplättchen zu ziehen. Auch das "Knobeln" hinsichtlich der Platzierung der Personenplättchen  ist eine spaßige Angelegenheit. Mit drei und vier Spielern hat "Orléans" aufgrund der fehlenden Skalierung des Spielplans "Segensreiche Werke" mehr Spaß bereitet als mit zwei Spielern. Auch der Wettstreit auf den Leisten konnte sich bei mehr Spielern intensiver entfalten, was nicht bedeutet, dass das Spiel mit zwei Spielern keinen Spaß bereitet. Dessen ungeachtet ist "Orléans" ein "Must-Have" für Vielspieler und grundsätzlich in jeder Spielerbesetzung empfehlenswert.

                                                5 von 6 Spiegeln (2 Spieler)

                                            5,5 von 6 Spiegeln (3 und 4 Spieler)


Preis-Leistung-Verhältnis

 

Die UVP von "Orléans" liegt bei 45 Euro. Die Spielmaterialien sind hervorragend, nur ein Wertungsblock wäre schön gewesen ;). Die Illustrationen sind gut gelungen, bestechen durch ihre Einfachheit und die Mechanismen harmonieren überwiegend reibungslos. Eine Anpassung an eine Partie mit zwei Spielern wäre hinsichtlich  des Mechanismus wünschenswert gewesen. Ferner bringt "Orléans" einen frischen Wind in die Brettspiellandschaft, der definitiv auf dem "Bag-Building-Mechanimus" fußt.  Ein tolles Produkt!

                                                5 von 6 Spiegeln


Gesamtwertung

 

Kaufe dir das Spiel, wenn du...

 

- einen prägnanten sowie innovativen Mechanismus suchst!

 

- ein Strategiespiel besitzen möchtest, das dich vor wichtige Entscheidungen stellt.

 

- bereit bist, auch gewisse Glückselemente in Kauf zu nehmen.

 

 

Kaufe dir "Orleans" nicht, wenn du... 

 

- eine starke Thematik im Spiel suchst.

 

- meinst, dass das Vorhandensein eines Wertungsblocks kaufentscheidend ist und du das Spiel ohne diesen sowieso nicht spielen würdest ;)

 

* Danke an alle Testspieler

*Die Gesamtwertung bei 3 und 4 Spielern wurde aufgrund der Kategorie Spielspaß aufgerundet!