Review: "Istanbul" von Rüdiger Dorn

Fakten

Autor: Rüdiger Dorn

Spieleranzahl: 2-5 Spieler

Verlag: Pegasus Spieleverlag

Spieldauer: 40- 60 Minuten

Alter: ab 10 Jahren

Erscheinungsjahr: 2014

Preis: UVP 23 Euro


Spielbeschreibung

 

Das Basarviertel ist eine der Hauptattraktionen von Istanbul. Im gleichnamigen Spiel wandern die Spieler als Kaufleute über den Markt und machen möglichst rentable Geschäfte. Unterstützt von ihren Gehilfen, nutzen sie verschiedene Orte im Viertel, um Aktionen auszuführen. Obwohl Waren und Geld sehr wichtig sind, haben die Kaufleute nur eins im Sinn: Rubine zu sammeln. Denn wer zuerst 5 Rubine gesammelt hat, gewinnt! Istanbul ist ein strategischer Leckerbissen für Spieler, die auch auf dem regen Basartreiben den Überblick behalten. Die einfache Regel führt schnell ins Spielgeschehen ein. Mit der enthaltenen taktischeren Variante sowie verschiedenen Startaufstellungen bietet Istanbul aber auch erfahrenen Kaufleuten immer neue Herausforderungen.

 

Quelle: Pegasus


Hintergrundinformationen

 

Ich habe das Spiel "Istanbul" zu dem Zeitpunkt erhalten, als es auf der Nominierungsliste für das Kennerspiel 2014 stand. Dies kam mir ganz recht, da mein eigenes Urteil nicht durch eine letztendliche Preisverleihung beeinflusst wurde und ich unvoreingenommen das Spiel gespielt habe. Im Nachhinein hat dann doch "Istanbul" den Preis ergattert und vor einigen Tagen erfolgte auf der Spielwarenmesse in Nürnberg die Präsentation der ersten Erweiterung "Mokka und Bakschish". Die Entwicklung des Spiels basiert auf der Arbeit von Rüdiger Dorn, eines Spieleautors, der unter anderem auch Spiele wie "Waka Waka", "Las Vegas", "Goa" und "Diamonds Club" entwickelt hat. Ich habe die Spiele zwar noch nie gespielt, aber dennoch kam mir der Name irgendwie bekannt vor.

Ob "Istanbul" auch aus der Sicht des Brettspiegels den Preis des Kennerspiels verdient hat, werdet ihr in dieser Review erfahren.

Quelle: Boardgamegeek


Spielmaterialien



Die Spielmaterialien sind hervorragend und da hat der Pegasus Verlag sehr gute Arbeit geleistet. Alle Komponenten sind von anständiger Qualität und lassen sich angenehm ausstanzen. Die "Rubine" in diesem Spiel scheinen das Spielmaterial auf eine gewissen Art und Weise aufzupeppen bzw. zu veredeln und fügen sich ideal in das restliche Spielmaterial. An Spielhilfen für jeden Spieler wurde ebenfalls gefacht. Jetzt aber genug der Lobeshymnen. Denn ein störender Kritikpunkt ist zu erwähnen, welcher die Handkarren betrifft. Wenn man diese durch die Aktion "Wagnerei" mit Plättchen erweitert, geschieht es des Öfteren, dass die Erweiterungsplättchen nicht optimal nebeneinander passen, was aber eigentlich der Normalfall sein sollte. Dies hat bisher jeden Mitspieler ein wenig genervt, da durch das Hineinquetschen der Plättchen in die vorgegebene Form der Handkarren, der Spielfluss gestört wurde.

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Illustration


Fühlst du dich wie auf einem Basar?

 

Man spürt regelrecht, wie dieses Kennerspiel die Thematik und nicht die Spielmechanik zum Mittelpunkt des Spiels zu machen versucht. Dementsprechend sollte die Illustration eine gewisse thematische Dichte hervorrufen, um den Ansprüchen dies Spiels ans sich selbst gerecht zu werden. Vorweg ist erst einmal zu sagen, dass ich die Illustrationen gut gelungen finde ich... ich mein natürlich der Brettspiegel ;) hat das Gefühl, das sich Andreas Resch bei der Illustration viel Mühe gegeben hat, da auf viele kleine Details Wert gelegt wurde.

Dennoch ergibt die Illustration in manchen Fällen überhaupt keinen Sinn. Warum bekomme ich Fähigkeiten, wenn ich zur Moschee gehe? Warum gebe ich Waren ab und erwerbe im gleichen Zug Rubine am Sultanspalast? Wieso sehen alle Kaufmänner gleich aus? Hätte man die Karten nicht thematischer gestalten können, wenn man sich selbst den Anspruch eines thematischen Spiels stellt? Wenn ihr die Antworten auf die Fragen wisst, könnt ihr mir diese gerne mitteilen. Wie gesagt, schöne Illustrationen, die an manchen Stellen ungenau oder fehl am Platz zu sein scheinen und somit die thematische Dichte des Spiels abschwächen.

Dennoch ist das Basarleben vielfältig, schön und in seiner ganzen Fülle illustriert worden. Die Anordnung der nebeneinander liegenden Ortsplättchen unterstreicht das Gefühl mit dem Kaufmann von einem Ort zum nächsten zu gehen und passt deswegen extrem gut auf das Leben in einem Basarviertel. Weiterhin finde ich, dass sich sogar in manchen Punkten "Istanbul" durch die Illustrationen richtig schön thematisch entfaltet, indem diese an die Spielmechanik anknüpfen wie z.B. auf dem Feld der Teestube, auf dem Würfel zum Einsatz kommen oder auf dem Feld des Edelsteinhändlers, wo ich "Rubine" kaufen kann. In diesen Fällen verschmelzen regelrecht die Spielmechanik und die Illustration miteinander und passen perfekt zusammen.

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Spielmechanik

 

Wie funktioniert das Spiel?

 

Die Spielmechanik von "Istanbul ist recht simpel. Der Spielplan beinhaltet 16 unterschiedliche Ortsfelder und du erhältst am Anfang des Spiels einen Kaufmann (Plättchen mit einem Gesicht drauf abgebildet) und darunter legst du vier Gehilfen (die dünneren Plättchen in der gleichen Farbe)

 

 

Aktion

- Du darfst dich mit deinem Stapel 1- 2 Felder weiter bewegen (nicht diagonal, aber über Eck ist natürlich möglich) auch wenn du in dem Sinne dieses Spiels eigentlich ein Läufer bist :).

- Wenn du an deinem gewünschten Ort ankommst: a) einen Gehilfen ablegen b) einen Gehilfen wieder aufnehmen, falls dort einer in deiner Farbe liegt (du legst den Gehilfen dann einfach unter den Kaufmann).

- Tritt einer dieser beiden Fälle ein, darfst du den Effekt des jeweiligen Ortes nutzen (z.B. deinen Vorrat an Gewürzen maximieren). Hierzu hast du ein eigenes Spielertableau (Handkarren), auf welchem dein Vorrat an unterschiedlichen Vorräten festgehalten wird.

- Ziehst du auf ein Feld, auf das sich bereits ein fremder Kaufmann befindet, musst du diesem 2 Lira (Geldeinheiten) geben.

- Es gibt noch den Schmuggler (schwarze Figur) und den Gouverneur (lila Figur), die nach deiner Aktion freiwillig aktiviert werden können und zusätzliche Optionen bieten (z.B. Tausch von einer Ware aus deinem Vorrat gegen eine beliebige andere Ware). Die Figuren werden nach deren Aktivierung auf neue Orte ausgewürfelt. Selbstverständlich müssen sich die jeweiligen Figuren auch auf dem gleichen aktivierten Ortsfeld wie du befinden.


Und wann gewinne ich das Spiel?

Es geht um das rote "Bling Bling", um die roten "Klunker", die in diesem Spiel als "Rubine" bezeichnet werden:). Hast du als erster Spieler sechs Rubine (bei zwei Spielern) oder fünf Rubine (bei 3, 4, 5 Spielern) ergattert, kannst du dich als Sieger feiern lassen. Manchmal sind die Mitspieler nach dem Erhalt des letzten Rubins noch einmal dran. In diesem Fall kommt es drauf an, wer der Startspieler war.


Man muss ehrlich sagen, dass die Spielmechanik sehr simpel ist... aber ebenso genial!

Das Spiel läuft flüssig, die Wartezeiten sind gering, die Spielgeschwindigkeit ist schnell und Istanbul bietet demnach einen leichten Einstieg für Gelegenheitsspieler. Dennoch sollte jeder Spieler seinen Zug gut bedenken, damit man die Gehilfen wieder einsammeln kann und Züge nicht verloren gehen. Ihr wisst ja, dass wenn man weder Gehilfen einsammeln noch ablegen kann und den Kaufmann somit alleine auf ein Feld bewegt, keine Aktion möglich ist.

Die unterschiedlichen Ortsaktionen sind plausibel miteinander verknüpft, sodass man auf einem Feld (Teestube) Geld generiert und auf einem anderen Feld (Edelsteinhändler) dieses Geld für einen "Rubin" ausgeben kann. Auch die Karteneffekte können einen gehörigen Einfluss auf die Ausführung von Ortsaktionen ausüben z.B. die doppelte Ausführung der Postamt-Aktion.

Hier passt alles gut miteinander zusammen und ist sehr stimmig konzipiert worden. Die Spielmechanik ist nicht komplex, aber dennoch reizvoll und vielfältig. Sehr schön ausbalanciert! Es sind unterschiedliche, aber dennoch begrenzte strategische Möglichkeiten gegeben, aus denen man für sich die passende aussuchen kann.

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Innovation


Hmm...

ich habe das Spiel doch schon einmal gesehen.

Ja, genau „Istanbul“ sieht aus wie „Targi“ von Andreas Steiger.

 

 

Ich habe "Targi" zwar noch nicht gespielt, aber weiß, dass dort auch unterschiedlichste Felder ausgelegt werden, die einem Spieler Boni bringen. Von daher würde ich von der optischen Begebenheit (Illustration und Komponenten) definitiv nicht von einer Innovation sprechen. In Bezug auf den Spielmechanismus aber schon! Dieser einfache Mechanismus (Gehilfen ablegen und aufsammeln) wirkt unglaublich frisch, unverbraucht und neu. Ein wirklich einfacher Mechanismus, der das Spiel nicht einfach macht, sondern aufgrund der strategischen Vorausplanung sogar schwerer. Die Mechanik wirkt kreativ, die Illustration und Spielgrundlage (Ortsfelder) wirken dagegen nicht neu und imitiert.

                               4 von 6 Spiegeln


Spielspaß 


"Istanbul“ macht Spaß! Eine verdiente Auszeichnung zum Kennerspiel des Jahres 2014. Glückwunsch!

Dieses Spiel bietet einen leichten Einstieg mit strategischem Anspruch, der wiederum nicht so hoch ist. Dies ist auch die Intention des Kennerspiels. Es kommen definitiv sowohl Gelegenheitsspieler als auch Vielspieler auf ihre Kosten – Alle Mitspieler fanden "Istanbul“ gut und es hat ihnen Spaß gemacht. Das Spiel ist schnell, spielt sich flüssig und dauert bei zwei Spielern ca. 40 Minuten und bei vier Spielern ca. 70 Minuten exkl. Aufbau und Abbau.


Spielst du "Istanbul" heute noch?


Ja, ich spiele "Istanbul" auch heute noch gerne! Dennoch ist zu kritisieren, dass sich leider nach mehreren Partien die strategischen Möglichkeiten ausschöpfen. Es gibt keine neue Strategie mehr auszuprobieren, man geht die gleichen Wege, die man schon etliche Male gegangen ist, man zieht mit dem Kaufmann zum Edelsteinhändler/Karawanserei, wenn man viel Geld besitzt, man geht zum Sultanspalast, wenn man sehr viele unterschiedliche Rohstoffe hat. Zwar kann man den Spielplan durch das unterschiedliche Auslegen der Ortsfelder individuell gestalten und den Spielreiz erhöhen, indem man seine Routen und Strategien immer wieder verbessert. Dennoch bleiben die Aktionen dieselben und es ist meist klar, was man zu tun hat, wenn man nicht ganz schlecht in diesem Spiel abschneiden will.

Da kommt die neue Erweiterung genau zum richtigen Zeitpunkt!


Aber, "Istanbul" hat doch einen Glücksanteil? Das ist doch schlecht, oder?

 

Ja, ok. Ich gebe es zu: "Istanbul“ hat einen gewissen Glücksfaktor auf den Feldern Teestube und Schwarzmarkt. Auf der Teestube sagt man eine Zahl und wenn die Würfelzahl die angekündigte Zahl ergibt, dann erhält man genau so viel Lira. Andernfalls bekommt man einen Trostpreis von zwei Lira. Beim Schwarzmarkt würfelt man einfach und erhält so viele Ringe (auch eine Art von Rohstoffen) wie auf dem Ortsfeld angegeben ist.

Es wundert mich selbst, dass ich das schreibe, aber obwohl ich kein großer Fan von Glück im Spiel bin, passt dieser Glücksanteil optimal in das Spiel und steigert sogar den Spielspaß. Er passt nicht nur thematisch zum Spiel (in der Teestube wird auch gewürfelt), sondern treibt auch wirklich die Spannung in die Höhe. Des Weiteren kann auch hier die Glückskomponente eingedämmt werden, indem man ein bestimmtes Moscheeplättchen erwirbt und somit einen Würfel auf die Zahl Vier umdrehen darf oder einmal beide Würfel erneut würfelt.

"Istanbul“ ist in jeglicher Spieleranzahl spielbar, macht sehr viel Spaß und ist zu empfehlen.

Das Spiel zeichnet sich meist durch ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen gegen Spielende aus.

                              5 von 6 Spiegeln


Preis-Leistungs-Verhältnis 

 

Durch den Kennerpreis ist die UVP natürlich stark nach unten gegangen. Anfänglich war dieses Spiel ungemein teuer ca. 37 Euro, wenn man den Preis in Relation zu dem Umfang der Materialien setzt. Jetzt liegt der Preis bei 23 Euro, was wirklich sehr gut ist. Dieses Spiel ist sein Geld wert. Genügend Komponenten, gute Qualität und ein hoher Spielspaß.

                               6 von 6 Spiegeln


Gesamtwertung

 

Ich empfehle dir „Istanbul“, wenn...


- deine finanzielle Situation miserabel ist und du ein Spiel mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis suchst.


- du ein Gelegenheitsspieler bist.

 

- du ein Vielspieler bist.


- du nach einem Spiel mit einem leichten Einstieg Ausschau hältst, das nicht sehr viele strategische Möglichkeiten bietet, aber deine Gehirnzellen dennoch aktiviert.


- du ein schnelles, flüssiges Spiel suchst, dass einige Glückskomponenten aufweist.


- du auf der Suche nach einem innovativen Mechanismus bist, der frisch und neu wirkt.


- wenn du dich für den Orient und das Basarviertel interessierst und einen Hauch davon zu spüren bekommen willst.


- du ein gut ausbalanciertes Spiel haben möchtest, das insbesondere gegen Ende hin sehr spannend wird.




Lass' die Finger von „Istanbul“, wenn...


- du sagst, dass es keine Zufälle im Leben gibt und schon gar nicht Glück im Spiel.


- du unglaublich viele strategische Möglichkeiten zur Auswahl haben willst und nicht nur eine begrenzte Auswahl.


 - du nur abstrakte Spiele magst.