05.04.17

Review: "Die Kolonisten" von Tim Puls

Fakten

Autor: Tim Puls

Spieleranzahl: 1-4

Verlag: Lookout Spiele

Spieldauer: 30-240 Minuten

Alter: ab 12 Jahren

Erscheinungsjahr: 2016

Preis: UVP 70,00 Euro


Spielbeschreibung

 

Der Kaiser hat euch mit der Aufgabe betraut, eine neue Gemeinde zu gründen und sie zu Glanz und Wohlstand zu bringen. Um ihm zu beweisen, dass sein Vertrauen in euch nicht unbegründet ist, entsendet ihr euren Verwalter ins Herz der Kolonie, damit er den Bau von Wohnstätten in Auftrag gibt, um Kolonisten in eure Gemeinde zu locken.

 

Doch reicht es nicht, Kolonisten bloß herziehen zu lassen – ihr müsst ihnen auch Arbeitsplätze verschaffen. Also gilt es, Gebäude zu errichten, in denen eure Kolonisten arbeiten können. Dafür benötigt ihr Baustoffe, um die sich euer Verwalter kümmern muss, oder ihr lasst gleich eure Kolonisten Baustoffe produzieren…

 

Mit der Zeit werden die Aufgaben in eurer Gemeinde immer komplexer. Da gilt es, eure Kolonisten auszubilden und für die neuen Herausforderungen zu wappnen. So werden aus einfachen Bauern zunächst Bürger und aus diesen wiederum erfolgreiche Kaufleute.

 

Sichert euch auch die Unterstützung entfernter Kolonien, indem ihr von ihnen Botschaften in eurer Gemeinde errichtet, und bringt eure Gemeinde so schneller als die Konkurrenz zum ersehnten Wohlstand…

 

"Die Kolonisten" ist das Erstlingswerk von dem Autoren Tim Puls – und was für eines! Die übergroße Schachtel beherbergt Unmengen an Material mit dem dieses hochkomplexe Kennerspiel (andere würden es Expertenspiel nennen) gespielt wird. Die ineinandergreifenden Abläufe des Spielgeschehens sind so weitreichend, dass es an dieser Stelle kaum möglich ist, einen Einblick darin zu verschaffen. Aber das soll ja nicht euer Problem sein und so haben wir genau dafür bereits ein Einführungsspiel bereitgestellt...

(Quelle: Lookout Spiele)


Hintergrundinformationen

 

Groß wurde es angekündigt, das neue epische Spiel "Die Kolonisten". Bereits im Vorfeld habe ich ein Interview mit dem Entwickler Tim Puls geführt, der Wissenswertes über sein Erstlingswerk berichtete und schon sehr gespannt auf den Spielmechanismus machte (klicke hier). Ob das Spiel genauso episch ist, wie es angekündigt wurde, erfahrt im weiteren Verlauf des Berichtes...;) 


Spielmaterialien

 

"Die Kolonisten" ist hinsichtlich der Schachtel und den Materialien wahrlich als episch anzusehen ;)! Ein ausgewogenes Verhältnis an Papp- und Holzmarkern ist gegeben und auch, wenn bei dem vorliegenden Produkt durch die unzähligen Materialien auf Quantität gesetzt wurde, ist die Qualität längst nicht auf der Strecke geblieben. Allerdings ist zu sagen, dass in Anbetracht der vielen Materialien schon ein großes Durcheinander in der Schachtel entsteht. Gerade bei so umfangreichen Spielen wäre es schon ein Muss gewesen, den Spielern Sortierboxen bereitzustellen, um eine systematische Sortierung zu gewährleisten und den zeitlichen Aufwand beim Auf- und Abbau zu minimieren. Als Paradebeispiel kann man aktuell "Ein Fest für Odin" nennen, das im Rahmen der Materialien ebenso umfangreich ist, jedoch sinnvolle Aufbewahrungsboxen für die Spieler bietet.

Ansonsten ist hinsichtlich der Materialien bei "Die Kolonisten" ein großes Lob auszusprechen!

                                                         5 von 6 Spiegeln


Illustrationen

 

Die Illustrationen fanden die Testspieler solide! Der Illustrator hat viele unzählige Motive angefertigt und man kann mit Recht behaupten, dass das Gesamtbild stimmig ist.

Nichtsdestotrotz konnten die Darstellungen nicht das "epische" Gefühl transportieren und wir fanden, dass der Illustrationsstil nicht zu 100 % mit dem Format des Spiels in Einklang gebracht werden konnte. Dazu fehlte uns einfach der "Wow-Effekt" im Kontext der optischen Darlegung. Vielleicht hätte ein Illustrationsstil, der sich an Graphiken von Computerspielen orientiert, das Spiel in einer epischeren Form erscheinen lassen, gerade deshalb, weil die Spielmechanik (verschiedene Epochen) ebenfalls an bekannte Computerspiele anlehnt.

Alles in allem ist der Funke hinsichtlich der Illustrationen nicht gänzlich übergesprungen, was sicherlich auch Geschmackssache ist. Ansonsten ist hier von einer soliden Leistung zu sprechen!

                                                         3,5 von 6 Spiegeln


Spielmechanik

 

Das Regelwerk von "Die Kolonisten" ist sehr umfangreich. Aus diesem Grund hat der Verlag den Spielern für einen ersten Überblick eine Einführungspartie simuliert. Anbei findet ihr das Beispiel:

 

Download
Kolonisten Beispiel.pdf
Adobe Acrobat Dokument 5.1 MB

Hinsichtlich der Mechanismen kann man anfänglich anführen, dass diese sehr ausgereift sind und reibungslos funktionieren! Die Aktionen wurden sehr gut miteinander verwoben und ergeben Sinn. Gerade die Verknüpfung mehrerer Epochen kann zur Annahme führen, dass diese nicht optimal zusammenpassen und demnach Störfaktoren aufkommen könnten. Dies ist jedoch überhaupt nicht der Fall, da sich die diversen Epochen hervorragend ineinander fügen und keine gravierenden Ungereimtheiten entstehen. Ferner ist zu nennen, dass sich die Mechanismen auf unterschiedlichste Weise entfalten, da das Spiel selbst sehr variabel ist (man kann entscheiden, ob man einzelne Epochen oder über mehrere Epochen spielt). In den Testpartien fiel sehr positiv auf, dass "Die Kolonisten" das Gefühl vermittelt, sehr ausgereift zu sein und eine intensive bzw. umfangreiche Testphase durchlebt zu haben, was bei diesem Format sicherlich essentiell sind. Was hier an Entwicklungsarbeit geleistet wurde, kann definitiv als "epische" Leistung angesehen werden!

                                                          6 von 6 Spiegeln


Innovationen

 

"Die Kolonisten" ist von der Grundidee her sehr einfallsreich! Das Spielen über mehrere Epochen und die Entwicklung, die über diese hinweg vonstatten geht, ist wirklich einzigartig. Dabei lehnt der Mechanismus an bereits erschienene Computerspiele an. Der Einfall, das Grundprinzip von Computerspielen wie "Anno" in ein "Brettspiel-Format" einzubetten, ist sehr gelungen und hoch anzuerkennen. Weiterhin bedient sich "Die Kolonisten" eines "Worker-Movement-Systems". Das bedeutet im Prinzip, dass die Figur nur auf ein benachbartes Feld bewegt werden kann, um dann eine Aktion auszuführen. Zum Markt hingegen kann man immer springen. Dieser Grundmechanismus unterscheidet sich vom klassischen "Worker-Placement-System" und wirkt frisch und neuartig.

Gerade der Umstand, dass sich das Spiel im Spielverlauf weiterentwickelt, man es aber immer wieder und nicht nur ein einziges Mal  durchspielen kann, wie z.B. bei den "Legacy-Spielen", macht es nochmal in gewisser Hinsicht individuell.

"Die Kolonisten" bietet tolle Ideen, die sich in einem sehr umfangreichem Rahmen entfalten. Super!

                                                        5,5 von 6 Spiegeln


Spielspaß

 

"Die Kolonisten" hat uns in den Testpartien gut gefallen. Jedoch muss man ganz klar 4 wichtige Aussagen treffen:

- Das Spiel ist für "Hardcore-Strategen"

- Das Spiel hat ein umfangreiches Regelwerk (umfassende Einarbeitungszeit)

- Das Spiel entfaltet seinen vollen Reiz erst, wenn man es über mehrere Epochen spielt

- Du darfst nicht ungeduldig sein (Das Spiel kann gut und gerne seine 5-6 Stunden beanspruchen)

 

Weiterhin ist unserer Meinung nach eine Unterscheidung in unterschiedliche Spieleranzahlen vorzunehmen. Das Spiel macht am meisten zu zweit Spaß, da sich die Wartezeiten im Zaum halten (jeder Spieler macht drei Züge hintereinander). Zu dritt und zu viert ufern die Wartezeiten unserer Meinung nach definitiv aus, da man in der Zwischenzeit kaum agieren kann, außer den Mitspielern bei ihren Zügen zuzuschauen. Des Weiteren ist "Die Kolonisten" ein knallhartes "Ressourcenmanagement-Spiel", wodurch es manch einem Spieler auch zu "trocken" sein kann. Gerade uns als Vielspieler/Strategen hat gerade das "Ich-verzeihe-keine-Fehler-Ressourcenmanagement-Spiel" Spaß gemacht.

Dennoch empfanden es manche Spieler als frustrierend, dass ihre benötigten Aktionsfelder zu weit weg lagen und Sie dann auf dem Weg dorthin Aktionen ausführen mussten, die Ihnen nicht zusagten, nur um das eigentliche Ziel zu erreichen. Dieser Umstand hat den "Spiel-Flow" gefühlt noch mehr in die Länge gezogen.

Alles in allem hat uns "Die Kolonisten" (besonders im 2-Personen-Spiel und mit vielen Epochen auf einmal) sehr viel Spaß bereitet. Bei diesem Spiel kommt es ganz klar drauf an, welcher Spielertyp du bist und ein Kauf könnte sich demzufolge auch als Enttäuschung erweisen, wenn du nicht im Stande bist, dich aufwendig in ein Spiel einzuarbeiten sowie viel Zeit für das Spielen aufzubringen!

Treffen die obig genannten Punkte auf dich zu, steht einem Kauf nichts mehr im Wege! Und bitte mehrere Epochen auf einmal spielen! ;)

                                                      5 von 6 Spiegeln (2 Spieler)

                                                    4 von 6 Spiegeln (3 und 4 Spieler)


Preis-Leistungs-Verhältnis

 

Die UVP von "Die Kolonisten" liegt bei 70 Euro. Das klingt erst einmal viel, jedoch wird einem ein episches Spielerlebnis vermittelt (sofern man die richtige Zielgruppe ist). Die vielzähligen Materialien sind von besonders guter Qualität. Ebenso kann man von einer ausgereiften Mechanik sprechen, die über ein so großes Format hinweg adäquat konzipiert wurde. Auch ist durch den "Epochenwechsel" ein neues Spielsystem entwickelt worden, das mit einer weiteren schönen Idee (Worker-Movement) kombiniert wurde. Der Spielspaß ist definitiv vorhanden, wobei dieser stark Spielerzahl- bzw. Spielertypabhängig ist. Die optische Aufmachung empfanden wir nicht so sehr als episch, was sicherlich Geschmacksache ist. Alles in allem ist folgende Bewertung angebracht.

                                                         4,5 von 6 Spiegeln


Gesamtwertung

 

Kaufe dir "Die Kolonisten", wenn du...

 

- ein episches Spiel suchst, das seinen Reiz erst entfaltet, wenn du über mehrere Epochen spielst (Spieldauer über mehrere Stunden)

 

- ein Spiel suchst, das sehr innovative Elemente aufweist ("Epochen-System" und "Worker-Movement)

 

 

 

Lasse die Finger von "Die Kolonisten", wenn du...

 

- ein Spiel suchst, das mit drei bzw. vier Spielern genauso viel Spaß macht wie mit zwei Personen

 

- kein Spiel haben willst, das sich über mehrere Stunden erstreckt = Du könntest auch nur eine Epoche spielen, aber du wirst nie den vollen Spielreiz entfalten können 

 

- Spiele nicht magst, die das Ressourcenmanagement als zentrales Element inne haben 

 

* Danke an alle Testspieler
* Aufgrund der Kategorie Spielspaß wurde die Gesamtwertung bei 2 Spielern aufgerundet und bei 3 bzw. 4 Spielern abgerundet!