Review: "Brügge" von Stefan Feld

Fakten 

Autor: Stefan Feld

Spieleranzahl: 2-4

Verlag: Hans im Glück

Spieldauer: 60 Min.

Alter: ab 10 Jahren

Erscheinungsjahr: 2013

Preis: UVP 29,95 Euro


Spielbeschreibung

 

Im 15. Jahrhunder ist die belgische Hansestadt eine der wohlhabendsten Metropolen Europas. Die erste Börse öffnet ihre Pforten und ganz Europa richtet die Augen auf die blühende Handelsstadt.

Die Spieler schlüpfen in die Rollen von Kaufleuten, die ihre Beziehungen zu den Mächtigen der Stadt pflegen. Sie konkurrieren um Einfluss, Macht und Status. Doch die Ruhe kann trügerisch sein. Dramatische Ereignisse werfen ihre Schatten voraus und auch die Mitspieler bedrohen den eigenen Wohlstand. Wer geht als Sieger aus diesem spannenden Streben um Macht und Reichtum hervor?

Quelle: Hans im Glück


Hintergrundinformationen

 

2013 erschien das Spiel "Brügge" vom Spieleautor Stefan Feld, der im gleichen Zeitraum drei weitere große Spiele (Bora Bora, Rialto, Amerigo) veröffentlicht hat und man nicht umsonst dieses Jahr als das "Feld-Jahr" bezeichnet. "Brügge" wurde zum Kennerspiel des Jahres nominiert und es nahm als einer der ersten Spiele seinen Platz in meiner Spielesammlung ein. Bis heute befindet es sich dort... Mag dies womöglich etwas über die Qualität des Spiels aussagen;)? "AquaSphere", das neuste Spiel von Stefan Feld, ist übrigens sehr empfehlenswert!


Spielmaterialien

 

"Brügge bietet sehr viele und auch qualitative Spielmaterialien. Neben 165 Personenkarten beinhaltet das Spiel viele Plättchen unterschiedlichster Art. Selbstverständlich ist auch ein Spielbrett dabei, das etwas kleiner geraten ist, aber genau so beabsichtigt wurde, da das Herzstück des Spiels aus den unzähligen Personenkarten besteht. Wenn das Spiel kein Spielbrett hätte, würde bestimmt nicht Feld auf der Schachtel stehen.

Im Bezug auf die Spielmaterialien gibt es überhaupt nichts zu beanstanden. Qualitativ gute Materialien, die auch in angemessener Anzahl vorhanden sind. Einfach nur klasse!

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Illustration

 

Das, was Michael Menzel aufs Papier gebracht hat, ist wirklich genial! 165 unterschiedliche Personen so individuell zu gestalten, dass jede einzelne Karte seinen eigenen Charme hat und eine bestimmte Stimmung transportiert. Meist kann man bereits aus der Darstellung der Personen auf die Berufsgruppe schließen, die wiederum in vielen Fällen mit dem Karteneffekt gekoppelt ist. Es macht wirklich Spaß, sich die einzelnen Personenkarten anzuschauen und besonders auf die Gesichtsstruktur und Mimik zu achten, die diese regelrecht zum Leben erwecken. Sie wirken durch ihre Ausstrahlung fast schon lebendig, was auf eine hohes illustratives Niveau hindeutet.

Fernab der Karten bietet das Spielbrett auch eine ansprechende Darstellung. Ich war schon mehrmals in Brügge und konnte definitiv die wichtigsten Merkmale dieser Stadt in dem Spiel wiederfinden. Die rötliche Farbauswahl passt perfekt zur Stadt, die weitestgehend detailgetreu auf das Spielbrett transportiert wurde.

Die einzelnen Illustrationen ergänzen sich perfekt und schaffen eine Atmosphäre, die ungemein stark mit dem Thema der Stadt Brügge verwoben ist. 

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Spielmechanik

 

O.k. "Brügge sieht toll aus, aber nicht alles was glänzt, ist Gold...

Das Spiel läuft in drei Phasen ab:

 

1) Karten ziehen

Die Spieler füllen ihre Kartenhand auf fünf Karten auf. Dabei dürfen sie immer aussuchen, von welchem der beiden Stapel sie ziehen. 

 

2) Würfeln

Es wird mit fünf farbigen Würfeln gewürfelt und auf die Würfelleiste gelegt. Wenn ein Würfel eine Fünf oder Sechs zeigt, bekommt jeder Spieler einen Bedrohungsmarker in der Farbe dieses Würfels. Immer wenn ein Spieler den dritten Bedrohungsmarker einer Farbe vor sich ablegt, findet ein bestimmter Schaden statt z.B. alle Handlanger kommen zurück in den Vorrat, alle Gulden in den Vorrat zurücklegen, Verlust von drei Siegpunkten etc. Nun können die Spieler noch auf der Aufstiegsleiste um eine Stufe aufsteigen. Es werden alle Würfel, die eine Eins oder Zwei zeigen, zusammengezählt. Die Summe ergibt den Preis für den Aufstieg (der Startspieler beginnt)

 

3) Karten ausspielen und Aktionen ausführen

Alle Spieler spielen reihum jeweils eine Karte aus seiner Hand und führt eine der sechs Aktionen aus. Die Runde endet, wenn jeder vier Karten ausgespielt hat bzw. (vier Aktionen ausgeführt hat). Am Ende jeder Runde hat man meist (Ausnahmen gibt es durch Karteneffekte!) eine Karte auf der Hand, die man in die nächste Runde mitnimmt.


Die sechs Aktionen:

Komm, ich dutze dich, das ist doch besser ;)

a) Karte auf den Ablagestapel = Du erhältst zwei Handlanger in der Farbe der ausgespielten Karte.

b) Karte auf den Ablagestapel = Du bekommst so viel Gulden, wie der Würfel der ausgespielten Karte zeigt.

c) Bedrohungsmarker zurücklegen = Du legst einen Bedrohungsmarker in der Farbe der ausgespielten Karte weg und nimmst dir sofort einen Siegpunkt.

d) Kanalplättchen bauen = Auf dem Spielbrett hast du zwei eigene Kanalabschnitte, die du mit Kanalplättchen bebauen darfst. Willst du ein Kanalfeld bebauen, musst du eine Karte der Farbe dieses Feldes auslegen und den Preis bezahlen. Dann legst du ein solches Plättchen auf das Feld.

Hast du ein Kanalfeld mit der Zahl Drei verbaut, bekommst du am Spielende drei Siegpunkte. Wenn du einen kompletten Kanalabschnitt bebaut hast, darfst du dir ein Statuenplättchen nehmen, was ebenfalls in der Endwertung Siegpunkte bringt.

e) Haus bauen = Du legst eine Karte mit der Rückseite vor dir ab und gibst einen Handlanger in der Farbe der ausgelegten Karte ab.

f) Person auslegen = Du legst eine Karte mit der Vorderseite auf ein bereits gebautes Haus und bezahlst den auf der Karte angegeben Preis

 

Infos zu den Karten:

Es gibt unterschiedlichste Karteneffekte, die wenn du die Person auslegst (auf ein bereits gebautes Haus nicht auf den Ablagestapel!), aktiviert werden. Diese Effekte können einmalig (sofort), einmal in der Runde gegen die Bezahlung eines Handlangers oder permanent wirken.

 

4) In dieser letzten Phase werden die Mehrheiten überprüft. Jeder Spieler hat drei Mehrheitenmarker vor sich ausliegen. Hat ein Spieler die Mehrheit in einer der Kategorien a) Ganz vorne beim Aufstieg (Phase zwei), b) die am meisten verbaute Kanalplättchen und c) die meisten ausgelegten Personen auf Häusern, so darf er die jeweiligen Marker auf die bunte Seite drehen.

 

Wann endet das Spiel und für was gibt es denn Punkte? 

Das Spielende wird dann eingeläutet, wenn ein Spieler die letzte Karte einer der beiden Nachziehstapel zieht. Diese Runde spielt man noch bis zum Schluss und führt dann die Endwertung durch.

 

Pass gut auf, denn jetzt bekommst du Punkte für:

- ausgelegte Personen (auf jeder Karte ist eine Siegpunktzahl verzeichnet)

- Häuser (jedes gebaute Haus = 1 Siegpunkt)

- Mehrheitenmarker (pro umgedrehten Mehrheitenmarker = vier Siegpunkte)

- Kanal (für jedes 3-er Kanalfeld kriegst du drei Siegpunkte und für deine Statuenplättchen: siehe aufgedruckte Zahl)

- Aufstieg (für den Aufstieg in der Aufstiegleiste entsprechend dem Feld, das erreicht wurde)

 

Und was taugt "Brügge"?

Die einzelnen Mechanismen von Brügge sind sehr gut miteinander verzahnt Es kommt klar zum Vorschein, dass die Karten in jede Aktion mit eingebunden werden. Das heißt im Prinzip, dass ich mit einer Karte vorarbeite, um danach mit einer anderen Karten anzuknüpfen und die wirklich gewollte Aktion zu erreichen (Ich hole mir Geld mit einer Karte, um danach mit der nächsten ein Kanalplättchen zu kaufen bzw. zu bauen, ich nehme mir mit einer Karte Handlanger, um diese Handlanger wieder in Häuser oder Karteneffekte zu investieren usw.) Es findet immer ein Zusammenspiel zwischen Karten und Aktionen statt, die nach einer Vorbereitungsphase durch weitere ausgespielte Karten vollendet werden können. Dies könnte man schon als kleine strategische Komponente des Spiels bezeichnen. Denn längerfristige Strategien sind in "Brügge" kaum möglich, wodurch es fast nur taktisch zu spielen ist. Durch die Würfelaugen in jeder Runde wird die Spielmechanik derart in ein Ungleichgewicht gebracht, dass es pures Glück ist, ob man denn z.B. einen Bedrohungsmarker bekommt, als einziger Spieler aufsteigen kann, oder gerade die Kartenfarbe gezogen hat, die in der laufenden Runde mächtig Gulden einbringen wird. Die Verzahnung der einzelnen Mechanismen wird aufgehoben, da aufeinander aufbauende Züge kaum mehr stattfinden können, was auch noch dadurch begünstigt wird, wenn man die unpassenden Kartenfarben für die Runde zieht. Demnach wirken sich zwei Einflüsse sehr gravierend auf die einzelnen Mechanismen aus und lassen enorme Vorteile für einzelne Spieler, die die richtigen Karten zum richtigen Zeitpunkt gezogen haben, herausspringen.  Die Mechanismen können wirklich sehr gut funktionieren, aber nur, wenn die richtigen Würfelaugen geworfen und die passenden Kartenfarben gezogen werden. Ansonsten gerät die Mechanik sehr stark ins Schwanken und wirk instabil.

Weiterhin ist noch kritisch zu betrachten, dass man nicht nur mit der Kartenfarbe, sondern auch mit der gezogenen Person sehr viel Glück haben kann. Lege ich eine Person aus, die mir am Ende des Spiels für jeden Adeligen in meiner Auslage Siegpunkte bringt und ich keinen einzigen Adeligen mehr im Spiel ziehe, dann habe ich wohl Pech gehabt. Das Problem ist einfach, dass viele Karten exisitieren, die darauf abzielen, dass eine längerfristige Strategie verfolgt wird, das Spiel dem Spieler diese Option aber überhaupt nicht anbietet.

Wie bereits erwähnt sind die Mechanismen sehr gut miteinander verwoben, aber nur, wenn die optimalen Umstände (Würfel/Karten) vorhanden sind. Ein Mechanismus, der gar nicht so dem Stil von Stefan Feld ähnelt. Der Feld-Mechanismus ist ja allseits für seine niedrige Glückskomponente und strategische Planung bekannt. Vielleicht wollte Herr Feld auch eine eigene Revolution vollziehen und aus diesen strategischen Zwängen ausbrechen. Eine Art Hilfeschrei, der einem Ruf nach spielerischer Freiheit ähnelt ;).

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Innovation

 

O.k eine Karte auszuspielen und damit eine Aktion auszuführen ist wirklich nicht neu und da stimmt ihr mir sicherlich zu. Dennoch ist die thematische Idee, dass das Leben in der Stadt Brügge mit seinen 165 Bürgern dargestellt wird, wirklich einzigartig. Die Stadt, und damit einhergehend das Spiel, wirken dadurch lebhaft und dynamisch und schaffen eine sehr individuelle thematische Intensität. Auch die Würfel, die nur durch die Würfelzahlen Eins, Zwei, Fünf und Sechs, Einfluss nehmen und dadurch für alle Spieler gleichzeitig einen Einflussfaktor darstellen, war mir in dieser Form noch nicht bekannt. Normalerweise würfelt man in einem Spiel mit einem Würfel-Einsetz-Mechanismus seine eigenen Würfel und kann mit diesen seine eigenen Aktionen ausführen. In unserem Fall gelten nur einige Würfelaugen für alle Spieler, was auch eine innovative Abwechslung mit sich bringt.

Falls die richtigen Karten gezogen und die passenden Würfel auslegen, sind auch wirklich gute Kombinationen und ansatzweise strategische Vorgehensweisen möglich. Ist dies der Fall, interagieren die einzelnen Mechanismen sehr individuell miteinander. Folgendes Beispiel: Ich nehme mir mit einer Karte Handlanger und kann dann im nächsten Zug diesen Investieren, um mit der Rückseite einer Personenkarte (was auch schon innovativ ist!:)) Platz für eine Personenkarte schaffen. Dieses Aufeinanderbauen in mehreren Schritten in Verbindung mit der Thematik ist hoch anzuerkennen. 

Brügge bietet auch aber Elemente, die man bereits aus anderen Spielen kennt: Mehrheiten in verschiedenen Bereichen, der Aufstieg in einer Leiste und die Funktionen der Karteneffekte (Karten mit sofortiger Wirkung, Karten, die nur am Ende des Spiels wirken etc.)

Dennoch ist dieses Spiel einzigartig, wobei viele individuelle Mechanismen mit einer in solcher Form noch nicht dagewesenen thematischen Dichte verbunden werden. 

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Spielspaß

 

Bei "Brügge" liegen Freud' und Leid sehr nah beinander!

"Brügge macht wirklich sehr viel Spaß, kann aber ebenso unglaublich frustrierend sein, da es durch die gezogenen Karten, deren Farben und den ausliegenden Würfeln einen hohen Glücksfaktor hat. Und wer mag es schon, wenn alles schief läuft und man nur Pech im Spiel hat. Alle einzelnen Situationen, in denen man Pech haben kann, aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Aber glaubt mir, es können sehr viele sein! Und wenn man dann in seinen einzelnen Aktionen behindert wird, durch die vorhandene Spielauslage, dann kann "Brügge" sehr frustrierend sein. Im Gegenzug ist es möglich, den maximalen Spielspaß aus dem Spiel herauszuholen, aber nur unter der Bedingung, dass man vom ultimativen Pech verschont bleibt und wenigstens noch die einzelnen Aktionen einigermaßen ausführen kann. Ich würde sagen, dass die hohe Glückskomponente doch schon zu einer Minderung des Spielspaßes führt. Es gibt kaum einen Ausgleich dieser Komponente, was schon der untypisch für die Spiele von Stefan Feld ist. Meist hat der Sieger wirklich einfach nur sehr viel Glück gehabt, da Strategien über einen langen Zeitraum nicht zu verfolgen sind, da diese wiederum auch vom Kartenglück abhängig sind.

Aber ansonsten macht das Spiel wirklich sehr viel Spaß und ist natürlich durch die Illustration und das sehr gut umgesetzte Thema eine Empfehlung wert. Das Spiel richtet sich eher an Vielspieler, jedoch ist es auch für Gelegenheitsspieler geeignet, die nach mehrmaligen Spielen die Mechanismen von "Brügge" ebenfalls verinnerlicht haben sollten. Dieses Werk von Stefan Feld bietet durch die Vielzahl an Karten einen sehr hohen Wiederspielreiz.

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Preis-Leistungsverhältnis


Bei "Brügge" stimmt das Preis-Leistungsverhältnis! Denn es ist ein innovatives, schön illustriertes Spiel, das sicherlich in den meisten Fällen Spaß macht. Des Weiteren schafft es eine sehr thematische Atmosphäre und fängt das Thema bzw. das "Feeling" von Brügge sehr gut ein. Die 30 Euro sind auf jeden Fall gut investiert. Nur könnte es mal eine dauerhaft  leichte Preissenkung geben, da es auch schon mittlerweile gut zwei Jahre auf dem Markt ist. 

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Gesamtwertung

 

Ich kann dir "Brügge" empfehlen, wenn du...

 

- schon mal in Brügge warst und auch so fasziniert von der Stadt bist.


- ein Spiel mit einem hohen Wiederspielreiz suchst und nicht nur damit beschäftigt sein willst, den Staub von den Spieleverpackungen wegzuwischen.


- kein Problem mit einem hohen Glücksfaktor im Spiel hast.


- eher ein taktisches als ein strategisches Spiel suchst.


- schöne Illustrationen mit einer gut aufbereiteten Thematik haben willst.


- wenn du generell die mechanischen Feld-Spiele nicht magst: Denn dieses ist auf jeden Fall anders als "Bora Bora" und "AquaSphere".

 


Fahr lieber nach Brügge und kauf dir das Spiel nicht, wenn du...


- du ein strategisches Spiel suchst. Das ist "Brügge" nämlich nicht!


- ein Brettspiel kaufen möchtest, mit dem du den kompletten Abend füllen kannst. "Brügge" lässt sich gut in einer Stunde bei zwei Spielern spielen und ist demnach doch ein recht schnelles Spiel.